29.01.07

Wieder ein Orkan über Wien / FPÖ & NS

Nach Kyrill nun wieder ein Orkan, diesmal Olli oder so ähnlich genannt, nicht groß medial angekündigt und zumindest im Osten Österreichs umso heftiger. Manche taten von gestern auf heute kaum ein Auge zu, unter anderem ich und meine Nachbarn. Irgendwann in den Morgenstunden flog uns ein Zaun um die Ohren, der ohnehin eher behelfsmäßig einen Vorgänger ersetzte, der nicht windresistent war. Ich sah es schon kommen, wollte aber niemanden aufwecken, in der Annahme, andere könnten schlafen. Ich wanderte herum, eine ruhige Ecke suchend (die es in der Wohnung nicht gab, da es von beiden Seiten heulte und pfiff), kurz überlegend, ob ich a) schnell beim Holiday Inn in der Nähe einchecke oder b) mit einer Matraze und Bettzeug in die Waschküche gehe, wo es warm sein sollte, sicher aber ruhig.

Ich schlafe vielleicht zwei Stunden, besser gesagt wälze mich herum, habe dann vor lauter Verspannung auf der Flucht vor den Windgeräuschen das Gefühl, mein Kehlkopf werde abgedrückt. Stehe auf, denn so zu "schlafen" hat ja nun wirklich keinen Sinn. Vor den Fenstern befindet sich ein richtiger Windkanal, da der ohnehin oft starke Wind am Wienerberg zwischen zwei Häusern durchrast. Dusche, höre dabei den Wind in der Entlüftung heulen, denke an den Artikel von Rainer Seiß ("Wer baut Wien?") über die "Sie bauen, wir widmen"-Politik der Wiener Stadtplanung, überlege schon, den Autor zu googlen und ihm sofort zu mailen.

Schließlich kriege ich gerade zu spüren, wie sich Planungsfehler anfühlen, die Seiß gerade auch am Beispiel der Wienerberg City ausführt. Mangels ausreichender Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln hatte dieser Bereich Wiens nämlich seitens der Stadt keine Priorität, und dennoch schafften Bauträger dort einen "Stadtteil". Bei harmonischer Planung eines Gesamtkunstwerks hätte man wohl eher ringförmige Bauten mit grünen Höfen dazwischen errichtet anstelle von mehr oder weniger hohen Häusern, die richtige Gassen zur Windbeschleunigung bieten. Im aus meiner Sicht schönsten dieser Häuser (relativ niedrig und viel Grün) wohne ich, allerdings genau dort, wo der Wind im Garten heftig vorbeipfeift. Der Wind verhindert in anderen Bereichen, zwischen den Hochhäusern etwa, dass Kommunikation entstehen kann.

Alle suchen meist so schnell wie möglich Häuser auf, da es einem selbst schwere Einkaufstaschen beinahe wegweht. Im Winter kann es sein, dass man gerade noch ganz normal gehen konnte und plötzlich fast auf vereistem Asphalt ausrutscht. Unter BewohnerInnenvielfalt hat man sich bei der Planung (die ja individuell durch diverse Bauträger erfolgte) anscheinend Menschen mit Auto vorgestellt, die tagsüber abwesend sind und ihre Einkäufe "in der Stadt" vor dem Heimkommen erledigen. Die Infrastruktur vor Ort ist marginal (und hat sich durch die Wohnhäuser nicht verbessert), vieles, das die Geschäfte anderswo führen, haben die Filialen hier nicht. Der öffentliche Verkehr besteht aus zwei Bussen (einer kriecht im Schneckentempo über x Haltestellen zum Reumannplatz, der andere fährt Richtung Simmering bzw. Meidling) und einem Shuttlebus (alle Viertelstunden, am Wochenende erst ab Mittag) zur U 6.

Außerdem kann man zur Straßenbahnlinie 65 gehen, die jedoch relativ weit weg ist (insofern, als dass man den Fußweg leicht unterschätzt und die Bahn, die man kriegen müßte, einem daher meist gerade vor der Nase weggefahren ist) und natürlich auch mit dem Rad fahren (bergab angenehm, bergauf zurück dann Gewohnheitsfrage). Das große Plus ist die Natur rundum, die jedoch von manchen entweder als riesiges Hundeklo oder als Mülleimer verstanden wird. (Mein Neujahrsvorsatz, nur mit Plastiksack spazierenzugehen und Mist einzusammeln, wurde zu "meistens mit Sack", und mittlerweile kenne ich auch die Recyclingcontainer der Siedlungen rund um den Wienerbergteich). Schlußendlich schaffte ich es gegen halb sieben, ein wenig einzudösen (mit Ö1 im Hintergrund als "Gegengeräusch" zum Wind draußen).

Als ich wieder halbwegs da war, stellte ich beinahe erfreut fest, dass es wieder einen Orkan gab und dass manche in Wien ihn als schlimmer als Kyrill erlebt haben. Vielleicht ist erleichtert das bessere Wort, da ich in meinen Versuchen zu schlafen schon befürchtete, es werde jetzt oft so heftiger Wind heulen, den nur wir am Wienerberg so voll abkriegen. Dass es auch anderswo wahrgenommen wurde, bedeutet, dass es hier nicht soooo viel schlimmer ist und dass sicher auch wieder ruhige Nächte kommen (wenn wir schon dabei sind: hoffentlich bald - ich könnte auf der Stelle einschlafen :-).

@ FPÖ (müdebedingt eher kurz): Strache gab heute eine "Ehrenerklärung" ab, die vor allem darin bestand, andere zu bezichtigen. Da wurde behauptet, Ex-Staatssekretär Finz, in dessen Familie es mehrere NS-Opfer gibt, sei ja selber mit Neonaz Küssel an einem Tisch gesessen, oder auf "Linksradikale" verwiesen. Strache sieht sich gar als Medien-Opfer im "Stürmer-"Stil, sich mit den jüdischen NS-Opfern auf eine Stufe stellend (derlei ist ja beliebt: die Wehrmacht war Opfer wie die Juden, detto die Sudetendeutschen, die Opfer des "angloamerikanischen Bombenterrors" usw.). Für HistorikerInnen fehlt freilich sowieso die persönliche Distanzierung Straches vom Nationalsozialismus.

Somit bleibt, dass Strache fünf Bier für Sägewerksarbeiter bestellt hat (so ein Schmäh in Webdiskussionen) und dass er keine Taten setzt, die ihn als erfolgreichen "Vergangenheitsbewältiger" erkennen lassen. Der Holocaustüberlebende Leon Zelman kündigte an, wegen des weichen Umgangs von Kanzler Gusenbauer und SPÖ-Klubobmann Cap mit Strache aus der SPÖ austreten zu wollen. Zu Recht meinte er, dass Auschwitz nur das Ende war, am Anfang aber Haß, Hetze und Feindseligkeiten standen - Kriterien, die heute besonders auf gewisse rassistische Wahlkämpfe anzuwenden sind....

Wie solche Wahlkämpfe auf fruchtbaren Boden treffen, zeigt das Verschwinden eines Afrikaners (Essa T.) bei einem Polizeieinsatz am 23.12.2006. Der Mann, aus Gambia stammend und Asylwerber, sprang während eines Polizeieinsatzes in Panik in den kalten Donaukanal und tauchte nicht am anderen Ufer oder sonstwo wieder auf. Die Feuerwehr suchte ein wenig nach ihm, mußte aber bald weiter zu einem neuen Einsatz. Seltsamerweise wird der Polizeieinsatz jedenfalls Protokollen nach bestritten, während sich Augenzeugen sehr wohl daran erinnern, wie der "Falter" kürzlich berichtete. Der Kanal sei mit Booten, nicht aber Tauchern abgesucht worden. Mit den Aussagen von Feuerwehr und Rettung konfrontiert gab die Polizei dann zu, dass es einen Einsatz im "Flex" gegeben habe, wo nach Personen gesucht wurde, die im Verdacht standen, mit Drogen zu handeln.

T. reiste Ende 2003 nach Österreich ein und wurde zuletzt vom Projekt der tapferen Ute Bock betreut. Von dort kommt auch die Nachricht, dass es sich bei einer in Hainburg angespülten Leiche um den Vermißten handelt. Andere Asylwerber aus Afrika werden von der Polizei beispielsweise angehalten, man nimmt ihnen einen großen Teil ihres mitgeführten Geldes weg und setzt sie dann irgendwo auf einer Bundesstraße aus, weit und breit weg von Taxiständen oder ihrer vertrauten Umgebung. Kein Skandal? Aber nein, werden wir doch immer wieder damit bombardiert, dass Schwarze Drogendealer sind (und Muslime gefährliche Fundamentalisten)....

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Einen spannenden Text hast du geschrieben, für mich, Jemanden aus weiter Ferne (Zürich) wird Wien so richtig erlebbar.

alexandra bader hat gesagt…

lieber rafael, danke für das nette lob - dann werd ich so weitermachen... gruezi in die schweiz :-)