21.08.07

Medien-Dinosaurier gegen Wackeldackel

Grmpf! Habe mir doch das "Sommergespräch" zwischen Elmar Oberhauser (ORF), Wolfgang Fellner ("Österreich") und Heinz Christian Strache (FPÖ) angesehen. Ich meine, bei solchen Gelegenheiten haben JournalistInnen nun mal nicht die gleiche freie Wahl wie nichtschreibende NormalbürgerInnen, also nix mit fernsehfreier Abend, Spaziergang oder anderer Sender.

Charakteristisch war für die Sendung, zu der ich mir ein paar Stichworte auf Kartonverpackungen notierte (Schlimmes ahnend, wollte ich nicht auf einem Block mitschreiben wie bei einer Pressekonferenz, denn dann wird das alles noch länger und aufwändiger :-), dieser "Dialog":

Oberhauser: Was hat Hans Christian Strache, was Jörg Haider nicht hat?
Strache: Heinz Christian Strache hat Steherqualitäten.

Gehts euch noch gut? Er redet in der dritten Person von sich selbst, wäre ohne Haider ebenso wenig erwähnenswert wie Westenthaler (und ob die beiden es bei einer Existenz Haiders sind, sei dahingestellt), und ihr lasst es ihm durchgehen?

Einschub: Stellt euch mal vor, Oberhauser fragt: Was hat Alexandra Bader, die mit diesen bissigen Kommentaren zu Medien und Politik, was sagen wir, Alexander Van der Bellen nicht hat? Da Eigenlob sowohl in der ersten als auch in der dritten Person peinlich ist, würde ich da wohl erwidern: keinen Pimmel oder keine Packung Zigaretten :-)

Hier also die Mediendinosaurier, dort der Wackeldackel (sorry, aber seine Körpersprache, mit der er das pausenlose Hervorbringen von Sätzen untermalt, erinnert nun mal daran), und das soll ein kritisches Interview sein?! Strache will wahlkämpfen und sein "starkes Team" namentlich nennen, das ausserhalb der engeren Kärntner Umgebung niemand kennt, und rechnet auch bei jeder Gelegenheit mit "den Medien" ab, die ihn "totschweigen oder diffamieren". Die Dinos reagieren anfangs besonders schwerfällig, fangen sich dann aber, kommen jedoch nicht wirklich zu Wort, weil mindestens zwei, oft auch drei von drei anwesenden Herren durcheinanderreden.

Medien sind also Mist (über tatsächliche Tabus sollte man mal reden, aber dann wären diese Themen, über die sich auch der Mann mit den "Steherqualitäten" nicht drübertraut, ja die längste Zeit Tabu gewesen), mann kämpft auch in Graz Wahl, wo Wahlwerbung einer Kommission vorgelegt werden müsse, welch ein demokratiepolitischer Skandal. Das mag er ja sein, aber wo sind andere Inhalte als FPÖ ist weder Westenthaler noch Haider?! Dino Fellner versucht zynisch zu sein und spricht von APA-Aussendungen der beiden Kaninchenzüchtervereine, die überwiegend "Schneetreiben" versus "warme Buben" seien.

Endlich naht etwas, das entfernt wie ein politischer Inhalt aussieht - aber nein, es ist der Kampf gegen die EU-Verfassung, da soll es eine Petition geben, und generell ist mann für mehr direkte Demokratie, beispielsweise Volksabstimmungen, wenn etwas 150.000 Unterschriften erreicht. Weder neu noch originell (noch abzulehnen), doch wirkt die Sache mit der EU-Verfassung ("Kritik wird totgeschwiegen") ziemlich absurd.

Die Dinos haben sich anscheinend darauf vorbereitet, dem Wackeldackel markige Sprüche vorzuhalten, nicht aber auf Inhalte, die eventuell angesprochen werden. Sonst hätte einer von ihnen eingewandt, dass die Forderung nach einer Volksabstimmung über "die EU-Verfassung" Etikettenschwindel ist, da Österreich diese Verfassung bereits angenommen hat. Da ihre Ratifizierung aber an Abstimmungen in anderen Ländern gescheitert ist, soll es nun einen neuerlichen Reformprozess geben, der Teile der Verfassung und die Grundidee retten soll. Das Ergebnis wird aber nicht "Verfassung" heissen, wie Herr Oberdino Oberhauser auch der ORF-Webseite hätte entnehmen können oder aber gleich der Webseite der EU zum Tema.

Mann liess Herrn Strache also plaudern und polemisieren und ich notierte: "EU Schwäche = Stärkung der USA", was in diese Runde anscheinend niemand bedacht hat oder niemand falsch findet. Nach eigenen Worten drückt sich Strache, der nun doch einmal mit sich selbst konfrontiert werden soll, gewählter aus als Westenthaler, was uns anhand von "Daham statt Islam" und einer Pauschalverbindung Muslime - militanter Islam - Terrorismus ja im Wahlkampf 2006 deutlich vor Augen geführt wurde. Ich wollte damals von Strache wissen, wieso er das macht und erhielt keine Antwort. Damit stand Strache nicht allein, da alle zu diesem Thema schwiegen, auch wenn sie sich über Ausländerfeindlichkeit empörten.

Strache sei für "Kostenwahrheit im Sozialversicherungssystem", ein wirklich toller Gedanke, den man mal dort anwenden sollte, wo PolitikerInnen ohne Leistungsnachweis bezahlt werden (also ihr Hinterbänklerdasein fristen oder sehr aktiv sein können, mit oder ohne bezahltem anderem Job). Generell habe ich immer mehr den Eindruck, dass die einen nicht bekommen, was sie verdienen, die anderen aber bekommen, was sie nicht verdienen.

Der Wackeldackel (mutig und nicht käuflich) will aber nicht den Neoliberalismus kritisieren, sondern ZuwanderInnen an den Pranger stellen. Die Regierungen hätten "in Massenzuwanderung statt in Geburten investiert", sagt er ungehindert, obwohl einer Interviewerin sofort eingefallen wäre, dass Frauen offenbar Gebärmaschinen sein sollen zur Erfüllung staatlicher Plansolls an Nachwuchs. Wir müssten "unsere Familien stärken", meint er, als ob dies derzeitigem Bedarf an Arbeitskräften entgegenwirken kann, der sich nicht unbedingt mit den Qualifikationen von Erwerbslosen deckt.

Natürlich kommt niemand auf die Idee, doch mal in Frage zu stellen, dass bei steigenden Unternehmensgewinnen und zunehmendem Kapital in den Händen Weniger die ArbeitnehmerInnen das Pensionssystem zu finanzieren haben. Aber nein, man nimmt auch hin, dass Strache seine Angriffe auf MigrantInnen angeblich auch im Sinne von MigrantInnen, nämlich der "gut Integrierten", die die FPÖ wählen sollen, unternimmt. Am Ende versucht Fellner noch etwas Pepp in die Sache zu bringen, indem er die Wehrsportbilder anspricht, bei denen Strache jedoch abwehrt, dass man sich eh vor Gericht sehe und dass es sich um harmloses nettes kleines Paintball-Spiel handelte.

Oberhauser versuchte, Strache mit der Frage nach Menschlichkeit zu outen, doch die Kopie der Kopie von Haider wand sich bewährt heraus. Festnageln wollte ihn niemand, eher schon, ihn inhaltlich in manchem anagitieren, wo man ja nicht ernsthaft so denken kann, wie er offenbar "denkt". Fazit: fragt sich nur, wer Oberhauser und Co. noch stärker übern Tisch ziehen wird. Gusenbauer, Molterer und Van der Bellen stehen noch zur Auswahl...

Spätere Anmerkung: nach der Lektüre von Postings bei derstandard.at, wo sich UserInnen Unmut über das "grottenschlechte" Sommergespräch machen, noch ein paar Ergänzungen: nicht notiert hatte ich, dass Strache auch ein Erich Fried-Zitat vorbereitet hatte sowie ein medienkritisches aus dem "Falter" und dass er ein Foto von sich beim Indianerspielen als Kind zeigte als Reaktion auf den Wehrsportübungs-Vorwurf. Irgendwann fuhr im Hintergrund, den der Weißensee bildete, ein Boot vorbei, das ich nur flüchtig wahrnahm.

UserInnen sahen aber, dass dort jemand die "fünf Bier"-Geste mit drei Fingern machte (Strache sagte in Sachen Wehrsportübungen und Co. letztes Jahr, er habe nicht Hitler gegrüsst, sondern Bier bestellt - daraus wurde der Witz von den "fünf Bier fürs Sägewerk"). Viele störte auch, dass Fellner jede journalistische Distanz fallen liess und persönlich wurde (etwa indem er Strache als "Sie mit Ihrer Paranoia" anredete - statt Fakt für Fakt zu zeigen, wo Fakten gegen Straches Realitätswahrnehmung sprechen). Tatsächlich sind Fellner und Strache in eine persönliche, auch vor Gericht ausgetragene Auseinandersetzung wegen der Wehrsportfotos verstrickt.

Fragt sich, warum der ORF Strache die Bühne dafür bietet, sich von Medien ausgegrenzt und verfolgt zu fühlen, sich daran zum Helden zu stilisieren, statt eine/n objektivere/n JournalistIn einzuladen. Von meiner Interviewerfahrung und vom Beobachten guter KollegInnen her weiss ich auch, dass man versuchen soll, eine persönliche Basis in der Interviewsituation herzustellen. Nur so kommt das Gespräch weg von dem, was beide Seiten vorbereitet haben, und es ist auch möglich, Überraschendes zutage zu fördern oder sich in Sachfragen anzunähern. Ansonsten wird runtergebetet, was InterviewerIn und Interviewte/r in ihren Mappen parat haben, von Presseaussendungen über Berichte und Buchzitate, also eine öde Angelegenheit für LeserInnen oder SeherInnen.

Wenn jemand sprechpuppenartig und stereotyp Vorbereitetes runterbricht, also nicht auf die persönliche Interviewweise eingeht, entlarvt er/sie sich selbst hinsichtlich der eigenen Substanz und Persönlichkeit. Hier sassen einander zwei Medienmänner, Fellner und Oberhauser, und ein medienabhängiger Strache gegenüber. Jede Seite betete runter, was sie vorbereitet hatte, was auch daraus deutlich wurde, dass meist zwei oder gar drei Personen zugleich redeten. Klar, in dicken Ordnern, die nur als Stütze und Unterlage dienen sollten, ist natürlich viel zu viel Material für eine Sendung enthalten...

Neu @ Ceiberweiber: "Streit Radfahrer gegen Fußgänger eskaliert" behauptet "Österreich" am 21.8.2007 - in Wahrheit wären Konflikte kein Wunder, wenn Radwegeplanung vielfach das Zusammenpferchen von RadlerInnen und GeherInnen auf einer vorher für FußgängerInnen allein gedachten Gehsteigbreite bedeutet. Tatsächlich führen manche Medien (auch der "Kurier") schon seit einigen Artikeln eine Kampagne gegen RadlerInnen, die endlich endlich auch in Wien zahlreicher werden. Höhepunkt sind Angriffe der Wiener ÖVP auf klimafreundliche Fortbewegung...

Zu Radfahren in Österreich und Raddemos siehe Critical Mass...

Natascha Kampusch, unser liebstes Opfer
: "Heute" führt eine Art Kampagne gegen Natascha Kampusch, die vor einem Jahr vor ihrem Entführer nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft flüchten konnte. Jede angebliche Enthüllung (am 21.8. beispielsweise, dass das "Verliess" im Keller nicht schon bei Nataschas Entführung eingerichtet war, oder dass sie mit dem Entführer Schifahren war) wird mit Fragen an die LeserInnen beendet, die bei so einer Aufforderung natürlich teils Mitgefühl haben, teils meinen, mit Kampusch stimme etwas nicht. "Was Kampusch NICHT sagte!" ist heute offenbar die Reaktion auf die ORF-Sendung am 20.8., in der Kampusch nach Barcelona begleitet wurde und wo sie interviewt wurde.

Anscheinend glauben manche, mit ruhigen, beherrschten Überlebenden von Gewaltsituationen sie irgendwas nicht in Ordnung und erwarten verzweifelte, gebrochene, stockend sprechende Menschen. Dass Traumata in gewisser Weise ewig wirken, auch wenn man lernen kann, halbwegs "normal" zu leben, weil das Erfahrene für immer von der Erlebniswelt anderer Menschen trennt, begreifen viele nicht. So meinen sie, dass man (gerade wenn jemand äußerlich kühl und reflektiert wirkt) schnell zum Alltag zurückkehren kann. Dies findet sich in Kommentaren zu Kampusch ebenso wie wenn es um Menschen geht, die von der CIA entführt und gefoltert wurden. Offenbar waren auch diese Opfer nur auf einem etwas verunglückten Urlaub und jetzt ist aber wirklich mal Alltag angesagt, unauffällig unter jenen, die nicht traumatisiert sind.

Wie üblich werden Gewalttaten gegen Frauen von Medien verharmlost: aus einem Mord, nach dem der aus der Wohnung weggewiesene und gewaltsam in diese eingedrungene Täter Selbstmord begeht, wird "zwei Menschenleben forderte ein Streit in Meidling". Können Journalisten einmal nachDENKEN, bevor sie sowas schreiben, fragen wir....

Kommentare:

Karl-Heinz Grasser hat gesagt…

Sie sind unsachlich. Mit keinem Wort erwähnen Sie die schöne Kärntner-Landschaft, in der dieses Interview aufgezeichnet wurde. Darum ging's - ums Kärntner-Land! Die quatschenden Personen sind entbehrlich...

alexandra bader hat gesagt…

Oh nein, die schöne Landschaft habe ich nicht übersehen - im Gegenteil, ich stellte mir die ganze Zeit vor, wie es wäre, in diesem See zu schwimmen. Störend war aber, dass immer wieder drei Personen ins Bild kamen....

55 Minuten Seeaufnahmen wären besser und spannender gewesen :-)