08.08.07

Wie feministisch ist Alice Schwarzer?

Feminismus-"Ikone" Alice Schwarzer wirbt für die Bild-Zeitung, freiwillig, auch wenn das manche treue Fans zuerst nicht glauben können. JEDE WAHRHEIT BRAUCHT EINE MUTIGE, DIE SIE AUSSPRICHT - als ob die Bild-Zeitung es mit der Wahrheit allzu genau nehmen würde wie der Bildblog täglich aufzeigt. Viele erinnern sich an die Enthüllungen von Günter Wallraff, die auch für mich in Graz Pflichtlektüre waren. Ich war ganz stolz, als ich 1982 mein allererstes Interview mit ihm führen konnte. Als Bild 50 Jahre alt wird, stellt Wallraff diese Seite ins Netz. (Satire links aus der Titanic)

Für die Berliner Zeitung ist Schwarzer nur konsequent "endlich unter der Haube" und vertritt Spießerfeminismus und Islamphobie. Wer sich der Islamfeindlichkeit nicht anschließt, gerät leicht ins Kreuzfeuer der Kritik wie es der Rechtsprofessor Mathias Rohe in Erlangen- Nürnberg erleben mußte. Seltsam war schon vor Jahren, dass Schwarzer nicht bereit war, ein einziges Mal mit Bascha Mika zu reden, die sie porträtieren sollte. Das Buch erschien trotzdem, nur kamen halt auch KritikerInnen zu Wort - und prompt gab es auch eine Biografie von einem mit Schwarzer befreundeten Ehepaar (beide Bücher sind gemeinsam bei den Ceiberweibern vorgestellt).

Mikas Erfahrungen kann ich nachvollziehen, doch war es enttäuschend zu erleben, dass sich Alice Schwarzer bei einem Besuch in Wien von einer Frau nicht interviewen liess, aber wohl mit einem ganz begeisterten jungen Mann flirtete, der zu einem Presseteam gehörte. Ich konnte sie, bei einer Signierstunde, überhaupt nur deswegen ganz kurz ein par Fragen auf Band beantworten lassen, weils auch peinlich ausgesehen hätte, mich hängen zu lassen. (Eigentlich muss man die Interviewwünsche bei ihrem Büro in Köln deponieren, doch die gaben mir nicht Bescheid.)

Dann fand keine Autorisierung statt, obwohl ich alles vor einer Schwarzer-Abendveranstaltung transkribierte und nach Köln faxte, aber nie eine Reaktion erhielt. Es erschien eben nach ein paar Tagen unautorisiert (soll sie mich klagen, mir doch egal, nur peinlich für sie, dachte ich mir). Niemand hat je solche Zicken gemacht (okay, bis auf Che Guevaras Sohn, der zum vereinbarten Termin gar nicht erschien :-), gerade in der Politik etwa läuft alles freundlich und professionell ab und auch mit Wertschätzung. Was solche Aha-Erlebnisse für Frauen bedeuten, für die EMMA einst eine wichtige Begleiterin war, kann Schwarzer entweder nicht abschätzen oder es stört sie nicht.

In Schwarzers Gästebuch kann frau lesen, wie viele Fans zuerst dachten, Bild hätte Schwarzer heimlich auf Plakate gedruckt. Etwas naiv sicher, aber es zeigt, welche Hoffnungen manche in sie setzen, immer noch. Ich finde sie amüsant und charmant, wenn sie irgendwo öffentlich redet oder im TV zu Gast ist, aber die Distanz ist hier das Schüsselwort. Feministische Gedanken zu allen möglichen aktuellen Ereignissen formulieren bringe ich selber ganz gut und manchmal wohl auch besser auf die Reihe. Enttäuschend und überraschend war für einige der Kampf gegen den Islam, doch für mich hat Schwarzer die Grenze bereits bei ihrem Buch "Eine tödliche Liebe" über Petra Kelly und Gert Bastian überschritten.

Es ist eine jener Grenzen, nach deren Passieren es kein Zurück mehr gibt, da man immer mehr von dem annimmt, was auf der Seite der Grenze liegt. Was das Buch so fies macht, ist im Detail in Warum demontierte Alice Schwarzer Petra Kelly? bei den Ceiberweibern ausgeführt. Zufall oder nicht, der Stil und die Konnotationen, die besonders Kelly, aber auch Bastian verpasst werden, erinnern an jene Literatur, die graue Propaganda heisst und von Hintergründen ablenken soll. Keineswegs durch pure Erfindungen, sondern durch Halbwahrheiten, unzulässige Schlussfolgerungen und psychologisch ausgefeilte Beiworte.

Dadurch werden Kelly und Bastian, am 19.10.1992 tot in ihrer Wohnung aufgefunden, laut Polizei durch Mord/Selbstmord umgekommen, wie ein ganz normales Paar dargestellt, das in einer schwierigen Beziehung lebte, die unausweichlich auf eine Tragödie zusteuerte. "Schwierig" mag die Beziehung ja gewesen sein, aber der Alltag eben ganz anders als wenn man von 9 bis 5 arbeitet und sich darüber in die Haare kriegt, ob man ein zweites Auto kaufen soll oder nicht, und das waren dann auch schon die Aufregungen des Lebens an einem normalen Tag.

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz grade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun. Max Goldt über die Bildzeitung, die das CIA-Opfer Khaled al Masri verfolgt

Schwarzer ist besonders brutal zu Kelly, als es um die traumatischen Erfahrungen der gezielten Verfolgung durch die seltsame LaRouche-Organisation geht, die sie richtiggehend mit allen Mittel stalkt, als sie Spitzenkandidatin bei den Bundestagswahlen 1983 ist und die Grünen dann erstmals im Parlament sind (Details dazu im Artikel). Frau stelle sich vor, dass sie einem anderen Stalkingopfer vorwirft, doch nur eine Ausrede, einen "Grund" für diffuse Ängste gefunden zu haben (wer wird sich denn weiter aufregen bei Drohungen, Hetzkampagnen, Inseraten, die einen in Nazinähe rücken, dem Auftauchen von Widmungen aus Büchern daheim in Zeitungen veröffentlicht, der ständigen Gefahr, dass Stalker nicht nur in Deutschland bei Veranstaltungen auftauchen? "sie liess sich terrorisieren", meint die "Feministin" lapidar).

Schwarzers Buch dient mit dem Argument, dass Bezeichnungen wie "Doppelselbstmord" typisch patriachale Verharmlosungen sind, zur Untermauerung der Feststellung, es habe keine Einwirkung Dritter gegeben. Warum dazu aber Kelly posthum eine nach der anderen reingewürgt werden muss, bleibt rätselhaft - es sei denn, Mitgefühl soll verhindert werden, weil dies auch zu Zweifeln führen kann. Schwarzer bringt sogar ihre eigene Biografie ein, um Kelly daneben als schwach zu zeichnen: sie selbst hatte einen tollen Großvater, Kelly aber nur eine ungewöhnliche Grossmutter, die dem Mädchen irrigerwiese vermittelte, die Welt stünde ihr offen.

Schwarzer hat weder Ahnung von Rüstungsfragen, den Auseinandersetzungen um die sog. Nato-Nachrüstung noch vom Kampf um die Grünen oder gar davon, wozu Geheimdienste fähig sind. Dennoch maßt sie sich an, Kelly als ängstlich, ohne Mann hilflos, nur symbolischer Politik zugetan, von diffusen Ängsten geplagt (die nichts mit LaRouches Aktionen und anderem zu tun haben), klammernd, den Inhalten der Frauenbewegung hinterherhinkend (die Schwarzer stets mit der EMMA verwechselt), und als inhaltlich von Männern abhängig hinzustellen. Sich mit Rüstungsfragen und Atomkriegsgefahr zu befassen erschöpft sich nun mal nicht darin zu sagen: ich bin eine tolle Feministin die Waffen sind alle so böse patriarchal, ich finde die aus dem Bauch heraus ganz furchtbar.

Ich habe mich auch mal mit solchen "Männerthemen" beschäftigt und beispielsweise umfassend über "Neutralität und EU" recherchiert, mit Quellen, die in Österreich ansonsten noch niemand herangezogen hatte. Damit macht frau sich besonders bei Frauen nicht beliebt, aber auch bei jenen nicht, die derlei Wissen verhindern wollen. Ja klar, in dieser Zeit lief ich nicht von Frauenmeeting zu Frauenmeeting, um das Patriarchat zu beklagen. Ich denke mal, wenn ich einiges auch selber checken konnte, wird das auf Frau Kelly auch zugetroffen haben, selbst mit einem Ex-General als Freund.

Was die diffusen Ängste betrifft, so stellen die Bedrohungen durch die LaRouche-Organisation für Kelly wohl den Punkt des Verlustes der Welt dar. Das ist die erschütternde Erfahrung, dass scheinbar fix geltende Regeln, was alles möglich ist und was nicht, plötzlich obsolet sind. Da muss man es schaffen, die Welt wiederzufinden und zu ertragen, dass sie nie wieder so sein wird wie vorher, man hat die Unschuld verloren. Man muss lernen, übelste Provokationen und Diffamierungen zu überstehen, den Verlust von durch Intrigen aufgehetzten Freunden, auch den Verlust der materiellen Existenz, auch mehrmals. Besonders schlimm ist auch das Wissen, dass diese illegalen Aktionen gegen integre Personen weder ein NATO-Staat noch ein neutrales Land dulden darf, es aber tut.

Hast du noch eine Heimat, bist du staatenlose Staatsbürgerin oder schlicht "AusländerIn im Ausland", vor Willkür nicht geschützt durch die amerikanischen Verfassung? Wenn du die Europäische Menschenrechtskonvention hast, die dein Staat mit der Verpflichtung unterschrieben hat, sie zu wahren, kannst du dir damit die Wände deiner Toilette tapezieren. Frau Schwarzer, würden Sie dies aushalten, Sie ach so starke Frau? Würden Sie es wagen, dem ins Auge zu sehen und den Kampf gegen "die" aufzunehmen? Einen Kampf, für den es keine Mobbingberatungsstelle, keine Opferhotline, kaum Vorbilder gibt, wo jeder Schritt selbst erdacht sein muss?

Jutta Ditfurth wird das zwar nicht gerne hören, aber irgendwie ist sie, in all ihrer Unermüdlichkeit, doch auch eine Gezeichnete. In ihren Abrechnungen mit dem Grünen betont sie, dass sie sich nicht von der CIA anwerben liess, während andere weniger Hemmungen hatten. Ich kann verdammt gut nachfühlen, wie das für sie gewesen sein muss, und auch die Erschütterung über die Entwicklung der deutschen Grünen nachvollziehen, weils hierzulande ja ähnlich ist. Aber muss sie dann beinhart auch bei anderen abrechnen, besonders bei EsoterikerInnen, die ja nicht alle "braun" sind? Im Web findet man fassungslose Reaktionen aus dieser Szene, da die meisten aus den konkreten Andeutungen über die Grünen nicht erahnen, wie schlimm es für Ditfurth gewesen sein muss, und auch irgendwie stellvertretend seh streng beurteilt werden.

Ein Beispiel ist der Schlagabtausch Jutta Ditfurth - Nina Hagen bei Maischberger und bei Kalkofe parodiert, der impliziert, Hagen kriege gar nichts mehr vom Weltgeschehen mit.
Nina Hagen klagt in ihrem Blog
über diese Ungerechtigkeit, und der Blog an sich zeigt schon, dass hier auch politisch gedacht wird. Esoteriker wehren sich gegen den Kampf der radikalen Linken gegen Esoterik, und Ditfurth wird sogar im "Spiegel" lobend erwähnt gegen Trutz Hardo (wo der Spiegel ansonsten gar nicht so Ditfurth-freundlich ist). Trutz Hardo schreibt an Jutta Ditfurth, die ihm Antisemitismus vorwirft, weil er eine Reinkarnation einstiger Täter als Opfer und umgekehrt für üblich hält. Das klingt vielleicht abgefahren, ist aber noch immer keine Holocaustverharmlosung (auch wenn manche sich in Gedanken versteigen, dass die Opfer eh längst z.B. als Deutsche wieder leben).

Ditfurth ist Abgeordnete im Frankfurter Römer, für die Ein-Frau-Nichtfraktion Ökologische Linke, für die alle anderen Parteien praktisch eins sind. Ihre Gruppe sieht 9/11 nicht als islamischen Terrorismus, sondern als Kampf zwischen Kapitalinteressen, was ja schon mal ein Ansatzpunkt ist. Näheres fand ich dazu leider nicht, obwohl die 911 Truth Bewegung immer Verstärkung gebrauchen kann. Apropos: 60 nichtbeantwortete Fragen an die US Embassy / CIA in Österreich, voila, seit 6. August 2007 bei uns im Web.

Außerdem: Nie wieder Hiroshima und Die Märchen des Spiegel (Teil 1) und Video- und Audio-Webtipps zu 9/11 und Merkwürdigkeiten um die Geisterflüge und der Summer of Love mit Musikvideo-Links....

PS: Um das in Worte zu fassen, was mich bei Ditfurth etwas befremdet: es sieht mir aus wie ein Verlust der Freude, während ich möglichst viel normalen Alltag wiederhaben will, Sonne, Baden, Tiere, Lesen, was Unternehmen - und nicht alles, was mir vielleicht naiv vorkommt oder wo möglicherweise bedenkliche Tendenzen sind, auch kommentieren, mich damit befassen "müssen". Ich denke, dass ich auch so ganz schön viel an kritischem Output habe :-)

07.06.07

Gipfel-Desinformationen

Nun reicht es den DemonstrantInnen: beim g8-tv wird von Desinformation gesprochen, sodass sich VertreterInnen von Mainstream-Medien wahrlich nicht zu wundern brauchen, wenn sie nicht immer freundlich behandelt werden oder man sich von ihnen wegdreht. Nicht aus Angst, im Fernsehen erkannt zu werden und auch nicht aufgrund von Vorurteilen gegenüber Medien (wie gerade ein Reporter bei n-tv vor einer Sitzblockade behauptet) - die drinnen im goldenen Sicherheitskäfig würden sich auch nicht gefallen lassen, Opfer von verbreiteten Falschinformationen zu werden.

Außerdem spricht der Korrespondent vor Ort launig vom "Wegspritzen" der DemonstrantInnen per Wasserwerfer, als ob es sich um Staub auf einer Terrasse handelt und nicht um Menschen. Vermutlich war der Herr Journalist noch nie auf der anderen Seite und hat erlebt, wie Wasserwerfer und Tränengas beispielsweise gegen Menschen eingesetzt wurden, die gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer demonstrierten...

Im "Mediengau Rostock" entlarvt der "Spiegelfechter" als medienkritischer Blog die Lüge von den 1000 Verletzten am Samstag, den 2. Juni. Man muss sich fragen, wozu Zeitungen auch bei uns (etwa Kurier oder Österreich am 4. Juni) eigentlich Redaktionen oder gar Korrespondenten vor Ort haben, wenn die "Recherche" darin besteht, uns Enten aufzubinden. Eigentlich hätte jede/r, die/der sich als JournalistIn betrachtet, bei "1000 Verletzten" erstmal stutzig werden müssen und zumindest mal einen Versuch unternehmen sollen, die Zahl zu überprüfen.

Aber wahrscheinlich wird über Aktionen von unten, über die Zivilgesellschaft in einer oberflächlichen Weise ohne das simpelteste mitgebrachte Basiswissen berichtet. Niemand würde sich Fehler in der Wiedergabe von Protokollarischem, von Beschlüssen und zu Personen gehören Titeln innerhalb des Heiligendammer Zaunes leisten. Was aber jene Bereiche betrifft, über die Medien eigentlich besonders informieren sollten, weil dort weniger Macht und Öffentlichkeit besteht, herrscht blanke Ahnungslosigkeit. Dies wird mit Klischees kompensiert und dadurch, dass eine Falsch-Agenturmeldung von allen abgeschrieben wird.

Gäbe es nicht gut organisierten Protest unter Beteiligung auch medienerfahrener NGOs und Gruppen, und gäbe es nicht fern von Heiligendamm aufmerksame BloggerInnen und MacherInnen alternativer Medien, so würde der hahnebüchene Unsinn im Mainstream nie korrigiert werden (eine der Korrekturen fand auf der Webseite des ZDF statt). Mittlerweile wurde auch bekannt, dass als "autonome" Provokateure agierende Polizeispitzel Methode haben. So versuchte einer, andere zu Gewaltaktionen anzustiften und wurde dann enttarnt - leider aber entfernt, ehe man seine Identität dokumentieren konnte, sodass er weiterhin eingesetzt werden kann.

US wants to take lead on climate change
CNN-Headline am 7.6.2007

.... aber das tun sie doch schon :-)

Da Falschinformationen über die Proteste via "Newsticker" im Internet verbeitet werden, liefert das Satiremagazin "Titanic" nun einen "Newsticker" über das Geschehen hinterm Zaun. Das erinnert an eine Schullandwoche und ist vielleicht nicht mal so ironisch gemeint :-):

16.00: Eintreffen der G8-Staats- und Regierungschefs, offizielle Begrüßung
16.15: Zuweisung der Zimmer und Betten; Streit, wer oben schlafen darf
16.30: erste gewalttätige Krawalle am Sicherheitsszaun (alle gegen Putin)
18.00: Speisesaal: Zusammentreten der Arbeitsgruppe "Bekämpfung des Hungers", Nachschlag landet in Putins Gesicht
18.30: Spülküche: gemeinsames Spülen und Abtrocknen; Bush versucht sich zu drücken, schon wieder Krawalle
19.00: Fernsehzimmer: gemeinsames "Heute"-Gucken unter Aufsicht von Sicherheitskräften
19.10: Bush verschlechtert erneut Klima (Stinkbombe), Einsatz von Gummigeschossen
20.00: Kaminzimmer: gemütliches Beisammensein, Jungs ärgern Mädchen (Merkel heult), Einsatz von Tränengas (alle heulen)
22.00: Licht wird gelöscht, Kissenschlacht (alle gegen Bush, offenes Ende)
23.56: jemand schmiert heimlich Zahnpasta unter Türklinken (Blair?)

Heute will ich mir doch einen halbfreien Tag gönnen, daher biete ich euch einfach unkommentiert ein paar weitere Links zum Selberinformieren:

Auseinandersetzung mit der Berichterstattung von n-tv
Wie die Polizei Falschmeldungen streut
Video "Gipfelstürmer" über Genua 2001 und Provokateure
Gewaltexzesse der Polizei
Bei den CeiberWeibern: Die Diskreditierung des Protestes
Indymedia-Nachrichtenticker (Demos, Verhalten der Polizei)

Und ganz generell:
Spiegelfechter
Politblog
(bei beiden Blogs posten die UserInnen viele weitere interessante Infos und Links)

PS: Gerade in meiner Mailbox gelandet:

Hallo zusammen,

rund um Heiligendamm werden derzeit Einheiten der Bundeswehr gesichtet, zur Unterstützung der Polizei bei der Dokumentation von … ja von was denn eigentlich?

Den Einsatz der Bundeswehr in Inneren Deutschlands verbietet das Grundgesetz. Macht Euch selbst ein Bild. Nachfolgend ein Link zu G8 TV.

Weiterhin verdichten sich Hinweise, dass einzelne „Autonome“, die beim G8 Gipfel Steine warfen und Andere dazu anstifteten, von den Sicherheitsbehörden eingeschleuste V-Männer waren. Hier einige Quellen:

1. * 2. * 3.

Außerdem gibt es am 7.6. 2007 ab 17 Uhr beim TU-Neubau am Wiener Karlsplatz eine Solidaritätsaktion für die Demos von Heiligendamm...

Nicht zu vergessen ein Hetz-Kommentar von Hans Rauscher im "Standard" gegen die Demos - er hat gut lachen als Globalisierungsgewinner, denn mit schlecht recherchierten, einseitigen, klischeebeladenen Texten, die immer für brutale Weltwirtschaft und für die Interessen der USA eintreten, lebt es sich nicht schlecht als Journalist...

PPS: Der Kotau der Medien vor den Mächtigen wird von n-tv auf Neue vorgeführt, nachdem ich meinen Eintrag gemacht habe. Da wird mehrmals gemeldet, dass eine Halbierung des Austoßes an Treibhausgasen bis 2050 ERWOGEN wird. Käme so eine Meldung von den G8-GegnerInnen (die munter medial diffamiert werden durch ungeprüfte Übernahme von Behauptungen der Polizei-Pressestelle, etwa dass sie Molotowcocktails einsetzen wollen), würde man NACHDENKEN durchaus wagen.

Dabei käme dann bei durchschnittlich gebildeten JournalistInnen in etwa heraus:
1. Bis 2050 ist das Grönlandschelf manchen Prognosen nach geschmolzen, da wird diese späte Maßnahme dann auch nichts mehr am Anstieg der Ozeane und an Verlangsamung oder Abschaltung des Golfstroms ändern, da wird durch das Auftauen des Permafrostes massenhaft Methan in die Atmosphäre gelangen, das ein Vielfaches schädlicher ist als CO2, und apropos Methan: solange keine Reduzierung der industrialisierten Landwirtschaft inkludiert ist (die u.a. aus methanproduzierenden Kühen in Massenhaltung besteht), ist das ganze sowieso Unsinn.
2. Ist der Temperaturanstieg um zwei Grad ohnehin bereits durch den bisherigen Ausstoss an Treibhausgasen bedingt, der bis 2049 so weitergehen soll (also wird ein Temperaturanstieg um weitere Grad in Anspruch genommen).
3. Lebt von Gipfeldame und -herren anno 2050 sowieso niemand mehr.
4. ERWÄGEN ist so unverbindlich wie nur möglich....

04.06.07

Auswirkungen der Randale von Rostock

Viele, die wie ich daheimgeblieben sind (geht bei den meisten nicht anders, die nicht mehr z.B. StudentInnen sind :-), schlugen am Wochenende wohl die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der Fernsehbilder von "Randale" vor dem G8-Gipfel in Rostock. Erwartungsgemäß schieben manche die Schuld vollkommen auf Provokateure, während andere meinen, dass Leute etwa aus der autonomen Szene den friedlichen Protest tausender missbraucht haben.

OrganisatorInnen von Demos dieser Dimensionen können nie ganz sicher sein, dass nur die "Richtigen" mobilisiert werden, eben weil natürlich breit angekündigt werden muss. Gewaltfreie Proteste konnten sich massiver Sympathien gewiss sein, nicht zuletzt wegen der massiven Sicherheitsvorkehrungen, die sogar so weit gingen, JournalistInnen vom BKA zu durchleuchten und ggf. auszuschließen. Genauer gesagt führte "der Veranstalter", die deutsche Bundesregierung, eine "Zuverlässigkeitsüberprüfung" durch, die man auch "Sicherheitsüberprüfung" nennen kann.

Nun würde man bei Medien annehmen, dass sie sensibel sind eben auch in eigener Sache - weit gefehlt, erst durch die Ausschlüsse wurde es Thema; sodass die Nicht-Ausgeschlossenen es wohl kritiklos akzeptierten. Was ist aber nun wirklich am Wochenende in Rostock passiert, wo eine friedliche Demo am 2. Juni den Auftakt zu den Gegenveranstaltungen bilden sollte? Die Bloggerin "pony_huetchen" meint bei politblog.net, die Polizei inszeniere einen Bürgerkrieg. Sie berichtet, dass 80.000 friedliche TeilnehmerInnen von der Polizei eingekreist wurden. Es war da gegen 17 Uhr, und bislang nichts passiert, doch meldeten Medien schon ab 16 Uhr Krawalle (siehe bspw. das ZDF). Beim Hafen beeilten sich manche, die einen Bus erreichen mussten, und denen nichts Besonderes auffiel.

Kurz nach 17 Uhr kreiste die Polizei den Rest der Demo am Hafengelände ein, es waren Polizisten ohne Dienstnummer und Namensschild, die auf die DemonstrantInnen losstürmten. Jene, die das Gebiet noch verlassen konnten, bevor es abgeriegelt wurden, begegneten Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern (die man dann im vollen Einsatz im Fernsehen erleben konnte). Ca. um 17.20 Uhr brannte es plötzlich, AugenzeugInnen wußten nicht, wo die Leute herkamen, die beispielsweise ein Auto anzündeten, das auf einem Parkplatz abgestellt war (an sich standen vernünftigerweise keine Autos herum - warum dieses eine genau dort?). Es erinnerte an Genua - durchaus auch jene, die daheimgeblieben waren.

Vom "Schwarzen Block" und "Autonomen", natürlich auch "Gewaltbereiten" war in den Berichten die Rede, wie zu erwarten war. Heute wird beteuert, dass es keinerlei Anzeichen für diese "Randale" gab, sie also aus heiterem Himmel stattfand. Mir erscheint dies glaubwürdig, beobachten doch auch VeranstalterInnen eine Szene genau, wenn für ein Großdemo mobilisiert wird. (Erinnern wir uns an die Demos gegen Schwarzblau, da warfen die "Moderaten" immer wieder bei kleineren Demos im Vorfeld ein Auge auf jene, die Müllcontainer anvisierten und "Bullenschweine" riefen.).

Vermummte haben allerdings den Nachteil, vermummt zu sein, sodass man sie nicht zuordnen kann. Provokation ist ebenso möglich wie das Vorhandensein von Personen, die sich medienwirksam irgendwie abreagieren wollen. In diesem Zusammenhang sollte vielleicht berücksichtigt werden, dass die Rechtsextremen wegen eines Demoverbotes wütend sind - denkbar, dass sie sich als Autonome verkleiden und so doch zu Demo und Beachtung kommen?

Die "junge Welt" kommentiert heute das vielfache Verständnis für die Polizei (das mir verfrüht erscheint, solange nicht einwandfrei geklärt ist, was wann wo passierte und wer beteiligt war) mit einem Lob auf den "Schwarzen Block", der einfach nur zurückschlug, als er isoliert und angegriffen wurde. Ein wenig erinnert mich dies an Verständnis für die "RAF", bei der ja auch nicht so ganz klar ist, wer dahintersteckt(e) - vor allem nicht, je länger sie bestand und je anonymer sie wurde.

Der Spiegelfechter, ein "Spiegel"-kritischer Blog, spricht von einer "Rostock-Legende", die spiegel.de stricke: ..."die Legende von Rostock soll lauten, daß die gewaltätigen Krawalle von den offiziellen G8-Kundgebungen angestachelt wurden". Das geht z.B. so: Für 18.30 meldet SPON den Tickereintrag “[18:30] Auf der Kundgebungsbühne stachelt ein Redner die militante Szene auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.” Allerdings hat sich kein Redner dementsprechend geäußert, was TV-Aufnahmen belegen.

Liegt es an mangelnden Englischkenntnissen der "Spiegel-Redaktion"? SPON meinte die Rede des philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello - Träger des alternativen Nobelpreises. Natürlich hat er nicht die Worte geäußert, die SPON ihm unterschieben will, sondern in einem vernünftigen Ton Kritik an der Vermeidung des Themas Irak-Krieg beim G8-Gipfel geübt: “We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice”.

Der Spiegelfechter fügt seinem Eintrag noch Updates hinzu: Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, dass SPON die gefälschten Zitate nicht korrigiert hat und sie von Teilen der Presse bereits wiedergegeben werden. SPON hat sein sinistres Ziel erreicht - mit rund 2 Millionen Besuchern, die mit dieser gefälschten Meldung gefüttert werden, wird erfolgreich Meinungsmache betrieben - meine rund 2.000 Besucher wissen es jetzt zwar besser, sind aber natürlich in der eindeutigen Minderzahl. Und wer weiß, vielleicht ist diese absichtliche Fälschung nur die Spitze des Eisbergs, bei der SPIEGEL-Berichterstattung über Rostock. Ich kann nur jedermann raten, bei SPON Berichten äußerst kritisch zu sein und im Zweifel lieber nichts zu glauben, was dieses Magazin berichtet.

Update III: Es ist auffällig, dass SPON das gefälschte Zitat über eine Stunde später in den Ticker stellt. Wie man im Phoenix-Video sehen kann, ist das Zitat um 17.17 gefallen, was sich auch mit den bei SPON erwähnten “ersten brennenden Autos” deckt. Im Newsticker wird allerdings erst um 18.30 darauf eingegangen. Wiederum: Honi soit qui mal y pense. Ein weiteres Update einige Stunden später meldet, dass nun ein Kommentar des "Spiegel" vorliegt, das den schwarzen Peter der Agentur dpa zufügt.

Da fragt sich die Journalistin, die keinen riesigen Apparat zur Verfügung hat, zweierlei:
1. Besteht die redaktionelle Arbeit des "Spiegel" gerade bei wichtigen Fragen daraus, ungeprüft Agenturmeldungen zu übernehmen und zu zitieren?
2. Macht es nicht stutzig, wenn ein Träger des alternativen Nobelpreises und philippinischer Globalisierungskritiker (eben Walden Bello) zu Gewalt aufrufen soll? Wie engstirnig sind "Spiegel"-Redakteure? Glauben sie an die Scheibenförmigkeit der Erde, wenn dies von der dpa behauptet wird?

Weitere interessante Links in Sachen G8:

konsumblog.de
Screenshots von Onlinemedien
Google-Blogsuche G8
G8 TV
indymedia.de
G8 live Radio
Erklärung von attac.de zu den Vorfällen

Noch eine Anmerkung: Natürlich bringen Berichte über Gewalt die Anliegen der weltweiten Protestbewegung in Mißkredit (die nach Genua 2001, nach dem Irakkrieg und in einer Zeit, wo Auswirkungen des Klimawandels immer mehr zu spüren sind, immer stärker geworden ist). Es scheint so, dass in Sachen Anliegen der GlobalisierungskritikerInnen mit einem "ja aber diese Ausschreitungen bei eurer Demo" gesprochen wird.

Hingegen kommen die G8 positiv in die Schlagzeilen, weil anscheinend doch etwas in Sachen Klima mit den USA vereinbart werden kann. Heiße Luft, buchstäblich, wenn ihr mich fragt - keine wie immer angedachte Maßnahme ist imstande, wirklich etwas am Klimawandel zu ändern, da radikales Umdenken im reichen Westen / Norden erforderlich ist. Und wer ist dazu schon bereit? Sicherlich innerhalb des Goldenen Käfigs von Heiligendamm kaum jemand, im Gegensatz zu vielen von den vielen außerhalb....

PS: Als "Neues" meldeten unsere Medien letzte Woche, dass "die Wissenschaft" nun herausgefunden habe, dass auch nach 9/11 Menschen an 9/11 starben. Wenn eine Wissenschaft dazu fast 6 Jahre benötigt, ist sie wohl eher Kaffeesudleserei - aber vielleicht liegt es an der Wahrnehmung von Massenmedien. Abseits von deren ausgetretenen Pfaden ist nämlich seit etwa Anfang 2002 bekannt, dass 9/11 weiterhin Opfer fordert. Etwa durch Blutkrebs, wie nun die ABC News berichten, und dies durch eine Studie des Mount Sinai-Spitals abgesichert (in dem man sich in Wahrheit nicht erst jetzt über die Häufung an Krebs bei Helfern am "Ground Zero" wundert).

Bezüglich der Gefährlichkeit der 9/11-Staubwolken log auch die Environment Protection Agency, woran dieser Artikel erinnert. Illustriert ist er mit einem eindrucksvollen Bild, das uns zum Nachdenken anregen sollte: sind solch riesige Wolken wie bei einem Vulkanausbruch wirklich auf zwei Flugzeuge mit Kerosin im Tank zurückzuführen, vorausgesetzt, so kann man Gebäude zum Einsturz bringen? Haben diese Wolken irgendetwas mit "controlled demolition" zu tun, wie die Sprengung von nicht mehr benötigten Gebäuden heißt, die zu gross sind, um sie abzutragen? Wäre "controlled demolition" vergleichbar, gäbe es wohl massive Anrainerproteste gegen die Sprengung von Stadien, Brücken, Hochhauskomplexen, alten Hotels etc. Nicht nur wegen der riesigen Staubwolken, sondern auch wegen deren Inhalt (da ja die Rede von Asbest im Fall 9/11 und Krebstoten ist).

Und nun das Neueste bei den Ceiberweibern:

Ein Mentoringprojekt für Migrantinnen zieht Bilanz
Gespräch mit Stella Deetjen (Women's World Award 2006)
Frauenlauf in Wien mit Rekordbeteiligung
Lange Nacht der Kirchen (auch in vielen Bildern verewigt)

31.05.07

"Keine Macht den G8!"

Erstmal ein anderes, aber von wegen Globalisierung und Klimawandel doch irgendwie verwandtes Thema: der Wiener Flughafen freut sich über eine Zunahme der Flüge und will in Zukunft Wachstum zwischen 5 und 10% pro Jahr. Prima, dann haben wir in der Luft das Gleiche wie auf der Straße - und es wird für die AnrainerInnen der Einflugrouten keine ruhige Minute mehr geben. Längst wird die Route über den Westen Wiens, angeblich nur zu 10% genutzt, zu manchen Tageszeiten von einer Maschine nach der anderen geflogen, und dies in niedriger Höhe. Kann man z.B. am Wienerberg Teich beobachten, wo sonst nichts schöne Sommerabende trübt.

Vor dem G8-Gipfel - lauter Männer, hätte Gastgeberland Deutschland keine Bundeskanzlerin - gibt es ein Treffen der Außenministerinnen in Wien. Frau kann die "Women Leaders" in einer Fotogalerie bewundern und lesen, was Gastgeberin Ursula Plassnik so meint. Toll ist auf jeden Fall, dass Frauen im Kontext internationale Politik bei uns nun großes Medieninteresse haben - und dabei betonen, wie wichtig die Zusammenarbeit von Frauen und das Netzwerken ist. In gewissem Sinne ist dies, wenngleich sicher nicht so geplant, auch ein wenig Kontrapunkt zu den G8.

Aber nun in medias res: die ARD zeigte gestern in einer Doku recht gut die Gegensätze: Hier die massiven Sicherheitsvorkehrungen und das auf Hochglanz polierte Nobelhotel in Heiligendamm, dort die AnwohnerInnen, die innerhalb der Sperrzone ihre Häuser haben. Sie wurden vom BKA durchleuchtet, bekamen mehrmals Besuch von Sicherheitskräften und müssen sich Ausweise besorgen, um die Zone verlassen zu können. Dabei werden sie aber jedesmal durchgecheckt einschließlich ihrer Fahrzeuge. Man baut eine Art Flughafen-Sicherheitsschleuse auf.

Verhalten kommt Kritik, mehr fürchtet man noch die G8-GegnerInnen und deren eventuelle Randale. Es gibt aber doch Statements wie: für das haben die Geld, aber nicht für Sozialprojekte, die man in der Region braucht. Einer erinnert sich an DDR-Zeiten, neben dem zweieinhalb Meter hohen, mit NATO-Draht versehenen Zaun interviewt. Vermutlich kann man derlei Abriegelungen und Gängelungen der Bevölkerung aber eher im Osten als im Westen Deutschlands durchziehen, da im Osten viele die Vergleiche mit der DDR scheuen.

Für die illustren Gäste in ihrem goldenen Käfig wird alles bis ins Detail geplant, während außerhalb des Zaunes, bei den Camps der GegnerInnen, Eigenverantwortung und Selbstorganisation angesagt ist. Manche EsoterikerInnen meinen ja, gegen etwas zu demonstrieren verstärke dies nur. Sollte man die G8 also links liegen lassen? Tatsächlich scheinen die Sicherheitsvorkehrungen und der brutale Umgang mit einigen GegnerInnen im Vorfeld mobilisierend zu wirken. Die Bündnisse gegen die G8 werden immer breiter, ebenso den Berichten nach die Teilnahme vor Ort.

Auf der anderen Seite sorgt die Furcht vor Aktionen auch für jedes Mal gesteigerte Sicherheitsmaßnahmen - als ob (im Grunde austauschbare) "Charaktermasken des Kapitals" (find ich etwas drastisch, ist aber manchmal passend) real bedroht wären. Auch bei den Sicherheitsvorkehrungen früherer Jahre hätten nur trainierte Killer aus dem militärisch-geheimdienstlichen Bereich Erfolgschancen gehabt - und diese kommen mit jeden Sicherheitsvorkehrungen zurecht, wenn es denn sein soll (beziehungsweise gibt es immer Momente geringerer Bewachung, muss ja nicht am Gipfel selber sein....). Nach 9/11 neigen aber viele zum Glauben, perfekte Attentate seien das Werk von Amateurterroristen (als ob 9/11 das wäre, als was es dargestellt wird....).

Die G8-GegnerInnen sind im Web ziemlich präsent, hier eine kleine Auswahl:
politblog.net
gipfelsoli.org
gipfelblockade.net
Ausschreitungen bei Demo in Hamburg
attac.at (Speziell zu G8)
attac.de (Speziell zu G8)
heiligendamm2007.de (Großdemos und andere Aktionen)
www.badespasz.tk (Pressespiegel)
http://www.kircheundg8.de (kirchliche Aktivitäten)
www.block-g8.org (Blockaden)
http://www.g8-alternative-summit.org/ (Alternativgipfel)
www.g8andwar.de (Antimilitaristische Aktionen)
http://www.g8-2007.de (Infos)
http://www.g8-germany.info/ (NGO-Plattform)
http://dissentnetzwerk.org/ (International, in Englisch)
Polizeistaatsmethoden (bei steinbergrecherche.com)
Pressekonferenz in der Roten Flora in Hamburg (steinbergrecherche.com)

Neu bei den CeiberWeibern (unter anderem :-):

Peter Michael Lingens meint, Scheidungen produzieren Alkokids - das müssen wir doch kommentieren.

Tchibo versteht verführerische Unterwäsche ganz altbacken unter "Waffen der Frauen".

Manche Autoren legen sich einiges biologistisch zurecht, um Schönheit und Partnerwahl zu koppeln, nach dem Motto: Frauen dürfen keine Falten haben, Männer schon.

Wie Medien mit Frauen umgehen (Ursula Stenzel pfui, Andrea Kdolsky ebenso, Fiona ist hingegen toll, da sie meint, Frauen sollen sich Männern unterordnen) zeigen Beispiele aus "Österreich", "News" und "Heute".

Und was ganz anderes: gestern wurde im Jüdischen Museum ein Buch über den Jüdischen Friedhof Währing vorgestellt.

23.05.07

Putin in Wien / Trendstories gegen Frauen

1. Seit Mittag ist der russische Präsident Putin in Wien - zwar wird auch in der Innenstadt abgesperrt, dennoch merkt man wenig, wenn man nicht gerade über Gegenden stolpert, in denen Polizei ist. Der Bush-Besuch letztes Jahr war präsenter, weil alle was von weiträumigen Abriegelungen mitbekamen. Und es gab Demos und andere Gegenveranstaltungen, während sich der Protest diesmal auf von den Parlamentsgrünen und dann auch von den Wiener Grünen organisierte Aktionen beschränkte. Sie waren sozusagen umgekehrte Jubelperser - aber man kann auch ironisch anmerken, dass sie damit nur zeigten, dass Österreich eine Demokratie ist, wo man so einfach demonstrieren kann (im Gegensatz zur GUS, wie sie meinen).

Manches, was an Drumherum berichtet wird, war bei Bush wohl auch nicht anders: das Hotel eine fürstliche Unterkunft, das Bankett ebenfalls an frühere Zeiten erinnernd, und wie Bush reiste Putin nicht in der Economy Class, sondern mit eigenem Flugzeug an. Von Wien - und davon, dass diese Stadt von Menschen bewohnt wird - dürfte Putin mehr gesehen haben als Bush. Das Besuchsprogramm umfaßte die üblichen geschichtsträchtigen Innenstadtbereiche (derlei wird offenbar nach den Wünschen der Gäste immer wieder leicht modifiziert). Das Fernsehen zeigte mehrmals Putin in der Hofreitschule und erklärte am Abend schließlich, dass die Putins selbst Pferde haben (allerdings Araber aus Russland und aus dem Nahen Osten).

Im Vorfeld wurde kritisiert, dass man Putin nicht einfach so mit nicht zuvor eingereichten Fragen interviewen kann (weil das z.B. bei Bush ohne weiteres möglich ist?!). Dann gab es eine Pressekonferenz (Putin und Bundespräsident Fischer), wo österreichische und russische Medienleute jeweils drei Fragen stellen konnten. Hiesige konzentrierten sich auf Menschenrechte und ernteten den Hinweis, dass auch Österreich vom Gerichtshof für Menschenrechte wegen Polizeimethoden im Umgang mit Asylwerbern kritisiert werde, es daher unfair sei, jede Verfehlung von Beamten einem Land pauschal anzulasten (jetzt mal sinngemäß gesagt). Naja, wie wäre es, wenn Gusenbauer zum "Folterkanzler" würde, weil unter den acht Millionen Einwohnern Polizisten sind, die nichts dabei finden, Asylwerber unabsichtlich zu ersticken oder die sie so sehr prügeln, dass von Folter gesprochen werden kann?

Erst recht kann in einem Land mit mehr als 20 mal so vielen EinwohnerInnen nicht absolut alles dem Oberhaupt persönlich angelastet werden, als ob dieses eine böse Anordnung nach der anderen träfe und dann reihenweise Menschen sterben oder verhaftet würden. Freilich muss kritisiert werden, wenn nach dem Bekanntwerden von Vorfällen nichts unternommen wird - aber Abwiegeln, Wegschauen, Polizei verteidigen ist durchaus auch eine "westliche Tugend". Eine weitere Gemeinsamkeit zeigen Bilder von Verhandlungen zwischen heimischen Wirtschaftsbossen und russischen Oligarchen: die Geschäftswelt ist eine Männerwelt, Frauen fehlen auf dieser Ebene vollkommen....

Somit sind wir bei 2.: Jetzt ist erst Mitte der Woche, und schon wurde ich (gemeinsam mit vielen anderen Frauen) zuerst zur radikalen Kindergegnerin erklärt und dann zur verhärmten, frustrierten Feministin. Das "Profil" (21.5.2007) hat auf dem Titel die "Späten Mütter", prügelt im dazugehörigen Artikel aber immer wieder kinderlose Frauen (die warten ja so lange, dass es zu spät ist für späte Mutterschaft):

Diese werden in drei "Typen" /Schubladen eingeteilt: die radikalen Kindergegnerinnen, die zu lange Zögernden und Frauen, die aufgrund von Lebenskrisen kinderlos bleiben. Schwangerschaft ist also der weibliche Normalfall (auch weil es nicht zur Norm des psychisch gesunden Menschen = Mannes gehört?), und wer diesen nie erreicht hat, der droht, so ein zitierter Experte, eine große Depression zwischen 40 und 50. Ein Stück weit hab' ich nun schon in dieser Altersgruppe zurückgelegt, aber die Depression hat sich noch nicht eingestellt (vielleicht mit der Menopause, wenn ich nicht immer dann die Tage kriege, wenn soooo schönes Badewetter ist? :-)

Weiteres zum Profil-Artikel und die CeiberWeiber-Anmerkungen hier nachzulesen - es sei aber noch darauf verwiesen, dass nur kinderlosen Frauen unterstellt wird, ein Nicht-Sein impliziere radikale Gegnerschaft. Nachdem ich mich weder für das Modell Lebenskrise noch die Strategie Zögern so recht erwärmen kann, bekommt das Nichtbedürfnis nach Nachwuchs also das Label radikale Kindergegnerinnenschaft. Zwar würde ich beispielsweise die Tatsache, keine Kanarienvögel zu haben, nicht als radikale Kanarienvogelgegnerschaft interpretieren (eher als Vogelfreundlichkeit, da sie ein gefundenes Fressen für die Katzen wären) und meinen Wohnsitz Wien nicht als radikale Grazgegnerschaft (ich lebe nicht mehr in der steirischen Hauptstadt), aber bei Kindern und weiblichen Geschlechtsmerkmalen ist alles ganz anders.

Vermutlich müssen sich die Mütter erwachsener Kinder bald auch als radikale Kindergegnerinnen einstufen lassen, wenn sie nicht bereit sind: a) spät nochmal zu gebären und b) den Nachwuchs ihrer Töchter zu hüten. Von Männern ist in diesem Kontext natürlich nie die Rede - die könnten sogar gut getarnt und dauerhaft unerkannt radikale Kindergegner sein, ohne dass es jemand merkt, reicht doch eine gut platzierte Samenspende und eine Partnerin, die nicht verhütet. Der nächste Hammer ist eine "Falter"-Story über einen angeblich neuen Feminismus (23.5.2007), wo bereits das Titelbild u.a. mit der Zeichnung eines Frauenhinterns mit Strapsen Schlimmes erwarten läßt.

Im Blatt schreibt dann Sybille Hamann, die unverständlicherweise an einem "Buch über die Frauenfrage" arbeitet (für die Lager und Altpapiercontainer oder als Trost für Eva Herman?): Wie eine Feministin ausschaut, weiß jeder. Streichholzfrisur, Henna, Walleröcke aus den Achtzigern, flache Schuhe. Redet zu viel und immer dasselbe. Humorlos, penetrant, mühsam, nervt. Definitiv unsexy. Meistens ein paar Jahre zu alt. Wahrscheinlich neidig, weil alle anderen einen Mann haben, bloß sie hat keinen abgekriegt. Eigentlich seltsam, wie allgegenwärtig das Klischeebild von der verhärmten, frustrierten Feministin seit dreißig Jahren ist – ohne dass man ein Exemplar der Spezies oft zu Gesicht bekäme. Nicht einmal Alice Schwarzer, die Oberhexe, hält, was ihr Ruf verspricht. Kaum erlebt man die aus der Nähe, ist man baff: Da steht eine sprühende, schlagfertige Frau, die schon einiges erlebt hat, sicher viel Spaß hat, schöner ist als die meisten ihrer Alterskohorte und gern auch mal in die Rolle der Ulknudel kippt. Flache Schuhe: Ja. Aber verhärmt? Nicht wirklich."

So in dem Stil gibts dann noch einiges, und Hamann erweist sich als unfähig, jenseits des Aufzählens von Klischees kreativ zu sein. Was irgendwie noch positiv klingt, ist dann eine Zusammenfassung von Alice Schwarzers neuestem Buch (Hamann denkt also nicht selber feministisch, sondern stellt Männersicht an den Anfang, ohne sie je in Frage zu stellen). Mehr dazu in einem Kommentar bei den CeiberWeibern - aber sehen wir uns trotzdem die Klischeeladung auch hier nochmal an: Streichholzfrisur, Henna, Walleröcke aus den Achtzigern, flache Schuhe. Redet zu viel und immer dasselbe. Humorlos, penetrant, mühsam, nervt. Definitiv unsexy. Meistens ein paar Jahre zu alt. Wahrscheinlich neidig, weil alle anderen einen Mann haben, bloß sie hat keinen abgekriegt. Verhärmte, frustrierte Feministin.

Streichholzfrisur?
- Lange Haare, rötlichbraun mit blonden Strähnen (von Natur aus so, auch ein paar graue Strähnen sind dabei) Henna? siehe Frisur. Walleröcke? Hosen, manchmal Jeans. Aus den Achtzigern? Vielleicht ein paar Bücher, ja auch feministische. Flache Schuhe? Welcher Mann fährt mit High Heels Rad? Eben. Redet zu viel und immer dasselbe? Redet auf jeden Fall keine Sekunde mehr als nötig mit mühsamen, penetranten, humorlosen, nervenden und daher unsexy Typen, die meistens ein paar Jahre zu alt und wahrscheinlich neidig sind, dass viele Frauen mit ihrer Zeit besseres anzufangen wissen, als sich mit mühsamen, penetranten, humorlosen, nervenden und daher unsexy Typen abzugeben.

Weniger verblümt gesagt: Antifeministen sind langweilige Saftsäcke mit zu wenig Haaren auf dem Kopf und zu viel Ringen um den Bauch, die an Selbstüberschätzung leiden und meinen, sie selbst seinen ein Geschenk Gottes an Frauen Mitte 20 und überhaupt ganz brillant beispielsweise als Journalisten. Ja, eigentlich müßte ein Kommentar zu Sexismus in Medien so beginnen, statt gleich die Unverfrorenheiten zu zitieren, mit denen frau sich auseinandersetzen muss. Damit klargestellt ist, dass vollkommen irrelevant ist, was irgendwelche Saftsäcke in Auftrag geben, die ja doch nur kaschieren wollen, wie verhärmt und frustriert sie sind....

13.05.07

Zweierlei Arten von Medien

Da haben wir mal die herkömmlichen Medien, deren Stilblüten, unfreiwillig komische Schlagzeilen, Fehler und Merkwürdigkeiten durchaus amüsant sind (daneben gibt es natürlich auch immer wieder Gutes und Interessantes - aber bei der Menge an Personal, die derlei Medien haben, sollte nicht allzu viel Falsches in Druck gehen, ohne dass es jemand bemerkt).

"Das ist europäischer Musikrinderwahn" erfuhren beispielsweise die LeserInnen von "Österreich" am Tag des Song Contests, also gestern, in "Österreich". Diese Worte sprach Produzent Markus Spiegel aus, der meint, die Falschen kämen ins Finale. "Westen gegen Ost-Mafia" und "aus für Qualitätsmusik" sind hingegen von der Redaktion gefundene Worte, die verschleiern, dass nun mal die Beiträge "des Ostens" die Originelleren sind.

Ich schwankte dann, nebenbei aufräumend, zwischen Ukraine (Verka als würdige/r VertreterIn von Molwanien und Kasachstan) und Bulgarien (Elitsas Ethno-Lied mit Trommeln, ganz was anderes mal), sandte schließlich eine SMS mit "21" für Bulgarien. In Österreich lag Serbien vorne, vor der Türkei - offenbar stört die Leute also nicht, dass "der Westen" unter die Räder kommt. Oder haben alle MigrantInnen eifrig mitgestimmt?!

"West-Beiträge" waren nun mal mäßig interessant, etwa wenn die Briten die transsexuellen FlugbegleiterInnen imitierten, mit denen Slowenien einst antrat. Erheiternd war die Selbstpräsentation Finnlands samt erstaunter Kommentatoren-Kommentare: da ist ja immer nur Schnee und Eis! Tatsächlich stellte sich Finnland dar als Land, in dem nichts anderes getan wird, als in Schnee und Eis: baden, angeln, mit dem Schiff fahren, Einkaufen gehen, heiraten, Handy verwenden, Tango tanzen (kam das vor? müßte es fast!). Einzige Ausnahme: Weltmeisterschaft im Schlammfußball.

Da wäre dann noch der seltsame Musikgeschmack, zu dem schreiende Männerchöre ebenso gehören wie Apocalyptica und Lordi als Top-Bands. Achja, einst hatte Finnland einen Komponisten, einen gewissen Herrn Sibelius - sein einstiges Zuhause würde natürlich auch in Schnee und Eis besucht. Alles in allem ist es doch fein, dass der Song Contest vom für jüngere Peinlichen zu etwas wurde, das Menschen jeden Alters frank und frei ansehen dürfen, ohne sich dafür genieren zu müssen. Und lustiger ist es auch als einst, wo stundenlang sich kaum bewegende Personen in gerade moderner Kleidung langsame Lieder in unverständlichen Landessprachen von sich gaben....

Bevor "Österreich" zum Altpapier wandert, muss ich noch eine Bildunterschrift zitieren: "Augenschmaus. Wolfgang Fellner mit ÖSTERREICH-Top Model Oana Apetroaie (r.)" Zählt Herausgeber Wolfgang Fellner (m.) auch zum "Augenschmaus"? Ein "Österreich" vom 9.5.2007 (eine der Gratisausgaben natürlich) hab' ich mir aufgehoben, weils Absurdes en masse bringt. Paris Hilton hat "Angst vor Horror-Gefängnis", "Häflinge wollen sie quälen". Wer wird wohl ernsthaft glauben, dass das reiche Töchterchen wegen Verstößen einsetzt, die nur Normalsterbliche nicht anderswie begleichen können?

Ein anderer Häftling steht bei "Österreich" immer im Mittelpunkt des Interesses, auch wenn die Bawag-Affäre nicht nur auf seinem Mist gewachsen ist. Helmut Elsner will wieder ins Spital zurück, erfahren wir, Zellen sind halt nicht so komfortabel (dauernde Untersuchungen sind es vermutlich auch nicht, aber das ist die Frage von Pest und Cholera). Wir erfaren so Spannendes wie dass Elsner bei der Kur unter Bewachung ebenfalls unter Bewachung spazierenging, was freilich seit Wochen in den Zeitungen stand.

Ein Boulevardblatt braucht auch eine "Tiertragödie", bei der es diesmal immerhin nicht um Kuscheltiere, sondern um Haie geht. Genauer gesagt um jene sechs, die die Übersiedelung in ein anderes Becken im Wiener "Haus des Meeres" nicht überlebten. Generell sind in "Österreich" Finanzhaie aber eher angesehen als simple Fische, was wir auch daran merken, dass das Schicksal vieler freilebender Haie schnurz ist. Diesen wird nämlich oft die Rückenflosse abgeschnitten (soll potenzfördernd oder irgendso ein Unsinn sein), worauf sie schrecklich krepieren.

"Mit dem gestrigen Auftritt waren auch die letzten Zweifel beseitigt. Bereits mehrten sich Gerüchte, der erfolgreichen Mode-Designerin und ihrem heranwachsenden Kind gehe es nicht gut." Gemeint ist Fiona Swarovski, die sich "auch in ihrer Wahlheimat Kitzbühel nicht mehr blicken liess". Wenn sich jemand "Österreich" nicht aufdrängt und man doch soooo gerne die Seiten füllen würde, dann wird "Österreich" ja geradezu dazu gedrängt, sich Sorgen zu machen und zu vermuten, es gehe jemandem nicht gut. Weil "Österreich" aber so hartnäckig ist, erfährt es, dass Frau Swarovski und Herr Grasser ein Mädchen erwarten.

"Heute", ebenfalls gratis erhältlich (allerdings gibt es hier keine umfangreichere 50 Cent-Version), wetteifert gerne mit "Österreich" um Banalität. "Nach Fußball-WM: Weniger Geburten!" stand am 11. Mai auf der Titelseite. Es gab neun Monate danach um 6,1 % weniger Babies. "Österreich" berichtet auch, relativiert aber etwas: die 6,1% waren ein Spitzentiefstwert im März 2007. Naja, zum Kindermachen gehören halt immer noch zwei, und wenn einer dauerhaft ausfällt.... Schlimmes wird auch bezogen auf die Fußball-EM nächstes Jahr in Wien befürchtet, wie der "Kurier" am selben Tag meldet: "Fußballfest mit Toilette-Fehlern". In Berlin wurden bei der WM pro Tag 400.000 Liter Bier getrunken, und davon die Hälfte abseits der Toiletten irgendwo hingepinkelt.

Vermutlich vor allem von Männern, die ohnehin, Hunden nicht unähnlich, den öffentlichen Raum auch abseits von Veranstaltungen oft als riesiges Klo betrachten. In Wien soll es eine Fanmeile geben, bei der sich tausende mobile Klos aneinander reihen. Parks in der Nähe möchte man sperren, was auch nichtpinkelnde nichttrinkende ganz normale StadtbewohnerInnen trifft. Mann stellt sich also darauf ein, dass sich Rudel von Männern wie wilde Horden aufführen, saufen bis zum Umfallen, überall hinpissen und dann womöglich auch noch die Dienste von Zwangsprostituierten in Anspruch nehmen. Sind die Herren Journalisten und Politiker denn wirklich so begeistert von diesem Bild, das zwangsläufig von Männern gezeichnet wird, oder wollen sie mal etwas dagegen unternehmen?

Nun zu den alternativen Medien: am 11. Mai wurde in Nürnberg der diesjährige Alternative Medienpreis verliehen, bei dem beispielsweise die umfangreiche Chronologie des Holocaust ausgezeichnet wurde oder der seit 37 Jahren in Nordrhein-Westfalen tätige Rote Reporter. Alles ist im Detail bei den Ceiberweibern nachzulesen (schließlich wurden wir "lobend erwähnt"), doch nun noch ein paar Worte zum Roten Reporter. In der Webausgabe gibt es auch ein Rätsel (Che-Feuerzeuge zu gewinnen), das Rätsel am Freitag, kurz RAF. Dies erinnert mich an eine andere RAF, nämlich Radfahren am Freitag, eine Initiative, die über einige Monate jeden Freitag nachmittag mit dem Rad durch Wien fuhr. Dabei gab es immer wieder Strafmandate der (genervten) Polizei, die auch bei völlig korrektem Verhalten erteilt wurden.

In langen Gasthaus-Sitzungen, bei denen Tränen gelacht wurden, formulierte man gemeinsam gefinkelte Einwendungen und erklärte sich bereit, Strafen sozusagen im Sonderangebot oder
im Dutzend billiger zu bezahlen (schließlich waren die Strafbescheide unfreiwilliges Kabarett). Eine Sternstunde von "RAF" kam, als viele linke Organisationen lieber auf Tauchstation gingen: 1995 wurden zwei "Linksradikale" tot neben einem Hochspannungsmasten gefunden, den sie angeblich sprengen wollten (mit einem Sprengsatz zu wenig für die Füße des Masten). Daraufhin wurde die linke Szene kriminalisiert, damit versucht, einen SPÖ-Innenminister und auch gleich die SPÖ-geführte Regierung loszuwerden. Der Minister hatte einst der Zeitschrift "TATblatt" gespendet - in der wiederum auch "RAF" gelegentlich vorkam. "RAF" wandte sich nun selbst an die Öffentlichkeit und erklärte pointiert die eigenen Aktivitäten, für welche die "Royal Air Force" Vorbild war....

10.05.07

Kalte Tage im Mai

Angeblich soll's heute wieder richtig schön werden, zumindest laut Wetterbericht von gestern. Derzeit, vormittags, ist davon allerdings noch nichts zu bemerken. Der Wind pfeift nur so zwischen den Häusern hindurch, was bei uns immer besonders stark zu spüren ist. Die Bäume wiegen sich im Wind, und mein Blick fällt auf den Eimer, der das Regenwasser der letzten Tage aufgefangen hat. Er ist schon wieder fast voll geworden. Es hat in Wien bis 9. Mai bereits das geregnet, was "normalerweise" im Mai so runterkommt.

Was ist schon "normal" nach dem dürren April? Dennoch sollten wir bei der Medienberichterstattung vorsichtig sein, da diese Extreme sehr liebt, Konsequenzen aber weit weniger. "Keine Zeitung - keine Ahnung" wirbt derzeit der Verband der Zeitungsherausgeber für das Lesen (und besonders wohl: Kaufen) heimischer Printmedien. "Eine Zeitung und trotzdem keine Ahnung" kann man aber vieles übertiteln, was nicht nur in Sachen Klima in letzter Zeit gedruckt wird, wie die Ceiberweiber hier ausführen.

Da wird ein Nestle-Sprecher gelobt, weil er vor Wassermangel warnt, obwohl der Konzern eine grosse Rolle auf dem Weltwassermarkt spielt und versucht, Brunnenwasser zugunsten von Flaschenwasser zu diskreditieren. Profit auf dem Rücken der Armen, wie einst in Sachen Babynahrung statt Muttermilch. Derlei geht an diversen Printmedien aber ebenso spurlos vorbei wie die Tatsache, dass die Mittelmeerregionen nicht wegen trockener Perioden unter Wassermangel leiden, sondern weil dort beispielsweise Erdbeeren für unsere winterlichen Supermarktregale angebaut werden.

Apropos Discounter: gestern sah ich die Wiederholung einer Sendung auf Arte, wo deren Methoden veranschaulicht wurden. Es ging nicht um haarsträubende Bedingungen, die Lieferanten aufgezwungen werden (die bekanntlich selbst für Geschäftseinrichtungen Beiträge bezahlen müssen), sondern um Arbeitsbedingungen. Die Art und Weise, wie (im Film namentlich genannt, aber sicher nicht die Einzigen) Schlecker, Aldi und besonders Lidl mit allermeist weiblichen Angestellten umgehen, erinnert an Berichte über Bordelle, Zuhälterei und Zwangsprostitution.

Damit meine ich nicht alle Details des findigen Umgangs mit Frauen, die selbst nicht sonderlich toll bezahlte Jobs brauchen (wo die Alternativen, wenn vorhanden, ebenfalls nicht viel einbrächten), sondern die verbreitete Atmosphäre. Da wird einer Angestellten bei Lidl, die dafür sorgt, dass Frauen, die 12 Stunden im Geschäft sind, wenigstens kurze Pausen machen können, unterstellt, sie habe geklaut. Zwei Männer, entsandt von der Geschäftsleitung, zwingen sie dazu, eine Art Auflösungsvertrag ihres Dienstverhältnisses zu unterschreiben. Als sie mit dem Handy Hilfe holen will, unterbinden sie dies.

Die Frau klagt wegen Nötigung, ehemalige Angestellte kommen als Zeuginnen und beschreiben, wie sich abzeichnete, dass sie rausgemobbt wird. Die beiden aalglatten Herren, begleitet von teuren Anwälten, die sich der Konzern sehr wohl leisten kann, werden freigesprochen. Nur wenige gehen überhaupt zu Gericht, die meisten resignieren, können es entweder nicht wagen, etwas zu unternehmen, oder ahnen, dass es keinen Sinn haben wird. In einem anderen Fall, bei einem anderen Discounter, wurde eine Frau dazu gebracht, bei einem Notar zu unterschreiben, dass sie für einen behaupteten Diebstahl eines Bekannten aufkomme.

Sie hatte panische Angst und hätte alles unterschrieben, sagt sie den ReporterInnen. Nun stottert sie 5000 Euro ab, was natürlich auch in keinem Verhältnis zum angeblichen Diebstahl steht. Bei Schlecker müssen die Beschäftigten hingegen fürchten, dass Geschäfte ausgeraubt werden, da oft nur eine Angestellte den ganzen Laden schmeisst. Wer damit psychisch nicht fertig wird, kann gehen. Gewerkschaften werden nicht gern gesehen, BetriebsrätInnen gibt es meistens gar nicht - sodass die Discounter unangenehm überrascht sind, wenn sie beispielsweise nach Frankreich expandieren, wo die Gewerkschaften stark auftreten.

Die "harmloseren", uns allen bekannten Dinge, die sich auch in Gesprächen an der Supermarktkassa feststellen lassen, sind da noch die laufenden unbezahlten Überstunden. Selbst Kräfte, die nur nebenbei arbeiten, kommen an jedem Tag im Betrieb auf mehr als eine solche Überstunde. Angesichts teurer Konzernzentralen, teurem Management, teuren Anwälten und dem Vermögen der Besitzer solcher Ketten geht es wohl kaum um die Euros, die sich zusammenläppern, wenn tausende Menschen täglich viele tausende Stunden unbezahlt arbeiten. Es ist wohl eher ein Unterdrückungsinstrument, das sich in diesem Fall vor allem gegen Frauen richtet. Und das längst mehr Empörung ausgelöst hätte, wären in der Hauptsache Männer die Opfer.

Aber Frauen arbeiten sowieso viel unbezahlt - und können aufgrund ihrer schlechteren ökonomischen Position auch weniger wählerisch sein bei Jobs, was sie erpressbar macht. Dies fällt übrigens nicht mal vielen Arbeitslosen-Aktivisten auf, die derzeit via Mailingliste über einen eigenen Preisindex diskutieren, da zumindest gewisse Tarife wie öffentlicher Verkehr doch an die finanziellen Möglichkeiten angepasst werden sollten. Gute Idee - aber ist einem der Herren schon mal aufgefallen, dass Frauen im Durchschnitt 600 Euro weniger im Monat zur Verfügung haben als Männer und dennoch für alles das Gleiche bezahlen müssen?

Aus der deutschen Szene gibt es etwas Amüsantes zu melden: ein Hartz IV-Schnüffler bekam Besuch von den "Überflüssigen", die seine Lebensverhältnisse auskundschafteten. In Deutschland, aber auch bei uns, ist ja keine Massnahme zu aufwändig und zu teuer, die Menschen disziplinieren könnte, welche angeblich nicht arbeiten "wollen". Bei uns kam kurz in Diskussion, hohe Zuschüsse zur Übersiedelung von Menschen zu bezahlen, die in einem anderen Bundesland Arbeit finden. Was mit einer Partnerin oder einem Partner passiert, die/der im Heimatbundesland beschäftigt sind, oder was sein wird, wenn der neue Arbeitsplatz auch mal abgebaut wird, verrieten unsere Politiker nicht. Aber vielleicht ist das ja inzwischen vom Tisch?

Gerne ergehen sich auch diverse Wissenschafter in Zeitungskommentaren darüber, wie sinnstiftend Arbeit doch sei, sodass man den Menschen keinen Gefallen täte, wenn das Sozialsystem zu grosszügig sei. Allerdings handelt es sich bei diesen Kommentatoren um Männer, die selber sehr gut bezahlt werden und weitgehend selbstbestimmt arbeiten können (Unangenehmeres oder Faderes kann mann ja an AssistentInnen und StudentInnen delegieren). Dass es fremdbestimmte Arbeit gibt, bei der ständiger Druck herrscht und wo auch elementare Rechte verletzt werden (siehe Beispiel Discounter), ist ihnen offenbar noch nie in den Sinn gekommen.

In diversen Diskussionen auch bspw. im deutschen TV schwärmen männliche "Eliten" von Billigstjobs und verteufeln Arbeitslose, die sich darauf nicht einlassen wollen. Dass Menschen mit drei Euro Stundenlohn eher verhungern als per Konsum zur Wirtschaft beizutragen, scheint ihnen nicht zu dämmern. Damit wird klar, dass es eine Machtfrage ist: die "Eliten" legen die Arbeitsbedingungen für sich selbst fest (Spitzengehälter, Gratifikationen und Extras, die bis zum Bordellbesuch zwecks Ausbeutung von Frauen gehen) und für andere, die ihnen unterworfen sind.

Jede dieser Debatten liefe ganz anders, stünden den Herren Frauen und Männer gegenüber, die ihre Arbeitsbedingungen ebenfalls selbst festlegen wollen. Eigentlich sollte die Gewerkschaft traditionell so eine Funktion übernehmen - in Österreich nähert sie sich im Schneckentempo der Erkenntnis, dass man Arbeitslose und Atypisch Beschäftigte in die Vertretung einschließen muss. Wahrscheinlich hat man's geschnallt, wenn der letzte der typischen Klientel des stereotypen Stahlarbeiters in Pension gegangen ist.