12.02.07

"Unfaßbares" in Akademikerfamilie

Unweigerlich fühlt man sich an den "Fall Kampusch" erinnert, wenn nun bekannt wird, dass drei Mädchen von ihrer Mutter sieben Jahre lang mehr oder weniger eingesperrt wurden. Zwar erschienen sie (zunächst) gelegentlich in der Schule und legten auch Prüfungen ab, die sie bestanden, doch fehlten sie schließlich krankheitshalber, wenn festgestellt werden sollte, ob sie durch "Unterricht zu Hause" den Jahrgangsstoff beherrschen. Aufgeflogen ist alles nur, weil für eine Reportage über die Therapieeinrichtung recherchiert wurde, in der sich die Mädchen seit einem Jahr befinden.

Justizministerin Maria Berger möchte nun, dass Kinder bei Scheidungen von Paten begleitet werden können, was bislang nur als Pilotprojekt an manchen Bezirksgerichten existiert. Vorausgesetzt, die Eltern sind damit einverstanden, werden Kinder von SozialarbeiterIn oder PsychologIn für die Dauer des Scheidungsverfahrens betreut. Derweil ist man aber fassungslos, wie die Mutter der Mädchen so lange Behörden und Gerichte täuschen konnte, obwohl sie psychisch gestört ist und ihren Beruf als Juristin schon seit ein paar Jahren nicht mehr ausübt.

Gerade die Störung macht es aber, so verrät z.B. Literatur über Triebtäter und andere "gestörte" Persönlichkeiten, auch so einfach, überzeugend aufzutreten und anderen etwas vorzumachen. Zum einen fallen Hemmungen weg, die andere Menschen daran hindern, zu dick aufzutragen, und zum anderen wickeln derlei Personen viele Menschen ein, die sich Mißtrauen nicht erlauben wollen. Wie dem auch sei, sie entzog ihre Töchter jeder Handhabe von Gerichten und Jugendamt; mal wurden die Mädchen dem Gericht sauber gekleidet präsentiert, mal war angeblich niemand zu Hause, wenn das Jugendamt doch mal nachsehen wollte, was es mit all den Eingaben und Beschwerden von Vater und Nachbarn auf sich hat.

Damit begnügte man sich auch, obwohl bei Gefahr im Verzug auch ohne richterliche Anordnung gehandelt werden kann. Kam anscheinend niemandem komisch vor, dass viele Menschen Verdacht schöpften und wissen wollten, wie es den Kindern geht. Aber das ist ja meistens so, wenn dramatische Fälle hinterher ans Licht kommen - nie ist es so, dass die Vernachlässigung und Mißhandlung der Kinder wirklich eine völlige Überraschung ist. Immer gab es Anzeichen, die allerdings oft erst dann ernstgenommen werden, wenn es zu spät ist, und nichts weiter sind als Zitate, die Berichte illustrieren.

Im ORF-Mittagsjournal wurde heute erläutert, wie das so ist mit Schulpflicht und Unterricht zu Hause. Die Mädchen waren bei der Scheidung 6, 10 und 13 Jahre alt (sind heute 14, 18 und 21), dh die Älteste war nicht allzuweit vom Ende der Schulpflicht entfernt. Sofern Eltern AkademikerInnen sind oder zumindest die Matura haben, stehen die Chancen gut, dass sie ihre Kinder auf Wunsch selbst zuhause unterrichten dürfen. Auch der Juristin wurde dies gestattet; sie mußte die Töchter lediglich einmal im Jahr Prüfungen als Externisten ablegen lassen. Besteht ein Kind nicht, muss es das Schuljahr an einer öffentlichen Schule wiederholen.

"Unterrichtet Eure Kinder zuhause" ist übrigens eine Parole der Evangelikalen, das sind fundamentalistische Christen in den USA, die auch in Europa nach verirrten (meist jugendlichen) Schäflein fischen. Man möchte einen Gottesstaat auf Basis der Bibel errichten, der auch mannigfache Anwendungen der Todesstrafe kennt. In der Schule erfahren Kindern viel "Verderbtes", etwa die Evolutionstheorie, sodass die Fundi-Christen einen einfachen Vorwand haben, die Kids aus der Schule zu nehmen. Wieviel Leid verbirgt sich da wohl oft in nach außen hin anständigen und gottesfürchtigen Haushalten. Allerdings können sich die Kids vielleicht besser wehren, bringen solche Eltern ihnen doch oft den Umgang mit einer Waffe bei, ehe sie auch nur das Volkschulalter hinter sich gelassen haben....

Die Evolutionstheorie wird der Juristin vermutlich wurscht gewesen sein, also wieder zurück zum Thema. Nun stehen klarerweise Behörden im Focus von Kritik. und ein typischer Sager im Radio war "eine Akademikerfamilie!". Sprich, denen traut man die ganz argen Abgründe nicht zu, dort müßte alles anderes, zumindest aber nicht so krass sein. Das erinnert an den Beginn der Frauenhaus-Bewegung, wo erstens schwer war begreiflich zu machen, dass es keinen Grund gibt, Gewalt seitens eines Partners zu dulden, und zweitens, dass Gewalttäter in allen Schichten existieren. Zieht man Frauenhaus-Statistiken heran, besteht auf den ersten Blick immer noch Erklärungsbedarf, sofern erwartet wird, dass die Klientinnen exakt das Ausmaß an Gewaltopfern in der Gesellschaft wie eine Stichprobe wiedergeben.

Akadamikerinnen sind da nämlich in der Minderheit, nicht weil sie weniger Opfer von Gewalt sind, sondern weil sie andere Möglichkeiten haben als ein Frauenhaus aufzusuchen. Ins Frauenhaus flüchtet, wer entweder so sehr bedroht ist, dass sie einfach einen Ort braucht, den niemand Fremder betreten kann, oder wer keinerlei Ressourcen hat. Außerdem war es zumindest früher so, dass gerade "bürgerliche" Frauen nicht so ohne weiteres wagten, sich gegen Gewalt zu wehren, weil ihr Umfeld noch meisterlicher verdrängt als es in "proletarischeren" Kreisen der Fall ist. Bezogen auf vernachlässigte Kinder bedeutet dies, dass uns (auch dank Massenmedien, wo natürlich Spektakuläres eher Thema ist als weniger Aufregendes) vor allem "Fälle" bekannt sind, die dramatisch enden.

Oft sind daran überforderte junge Mütter beteiligt oder/und Männer, die mit der Vaterschaft nicht zurecht kommen; das dauernde Zusammensein mit den Kindern wirkt dann wahrscheinlich noch als Katalysator. Dieser Vorstellung entgegengesetzt ist das Bild von der gutverdienenden Akademikerfamilie, deren Kinder in Ganztagskindergärten betreut werden und wo sich, durch den unterschiedlichen Alltag von Eltern und Kindern, auch Dynamiken der Überforderung nicht so leicht entwickeln können. Und nun SOWAS! Allerdings werden auch AkademikerInnen heutzutage arbeitslos, aus welchen Gründen auch immer - und viele beginnen ihr Dasein als AkademikerIn erstmal mit durch Serien-Praktika verschleierter Arbeitslosigkeit.

"Wie Tiere" seien die Mädchen gehalten worden, in Dreck und mit Mäusen, denen sie dann auch Namen gaben. Auch das ist eine klischeehafte Aussage, da jemand, der Tiere so "hält", zum Glück damit rechnen muss, dass Tierschutzombudsmann/ - frau verständigt werden (die jedoch hinsichtlich Handhabe ähnlich dastehen wie das Jugendamt sich sieht). Eher kann man es damit vergleichen, dass manch ein alter Mensch in der Stadt stirbt, ohne dass er jemandem abgeht, sodass die Polizei dann recht unerfreuliche Anblicke nach einer Wohnungsöffnung wegen Gestank ertragen muss. Kann es denn sein, dass Kinder niemandem abgehen, nicht soweit abgehen, dass mehr als das seltene Erscheinen vor Gericht oder bei einer Prüfung und anfangs gelegentlich in der Schule verlangt wird?

Kommentare:

markus hat gesagt…

Das erinnert mich an einen nachdenkenswerten Satz meiner ehemaligen Philosophie-Professorin: Fürs Autofahren braucht man einen Führerschein. Doch um Kinder zu kriegen und großzuziehen, benötigt es keinerlei Nachweisen zur Befähigung.

rafael hat gesagt…

Danke für den Bericht, hab das noch micht mitbekommen, Österreich ist ja auch sehr weit entfernt von mir. Aber auch das Kapitel mit diesen evangelikalen finde ich interessant, in den schweizer Bergkantonen, speziell in Glarus ist mir ein Fall bekannt, wo die ein ganzes leerstehendes Schulhaus gemietet haben und nun selber ihre Kinder und andere Interessierte unterrichten.