17.02.07

in "schlechter Gesellschaft" - NICHT auf dem Opernball sein :-)

"Gute Gesellschaft" versammelte sich laut ORF am 15.2. auf dem Opernball in Wien (dazu gehörten auch ModeratorInnen, die sich gegenseitig interviewen, wie aufregend es doch ist, andere zu interviewen). Da etwa 8500 Personen am Opernball waren und dort 1,1 Millionen Euro Umsatz brachten, befinde ich mich jedenfalls insofern als Abwesende in guter Gesellschaft, als dass ich zur Mehrheit von 8 Millionen 500.000 (oder so ähnlich) gehöre. Nebenbei bemerkt hätte die "gute Gesellschaft" mit dieser Summe das Wiener Tierschutzhaus zweieinhalbmal retten können beziehungsweise diese Einrichtung einmal und darüber hinaus noch zahlreiche andere Initiativen, die weniger Medienaufmerksamkeit bekommen und auf Spenden angewiesen sind.

Während frau keine Zeitung aufschlagen und den Fernseher nicht einschalten konnte, ohne auf den Opernball zu treffen, überlegte ich, wann ich eigentlich zum ersten Mal dagegen demonstriert hatte. Vor genau 20 Jahren, als der Besuch des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Strauß (und dessen Plan, in Wackersdorf eine atomare Wiederaufbereitungsanlage zu bauen) Anlaß war, gegen den Ball auf die Straße zu gehen, war ich noch in Graz zuhause und bin, soweit ich mich erinnere, nicht extra nach Wien rausgefahren. Was das Jahr 1988 betrifft, so habe ich dunkel im Gedächtnis, für irgendeine Demo hiergewesen zu sein, es war auch buchstäblich finster und ich landete mit anderen mal im Alt-Wien (und übernachtete bei Bekannten). Kann es sein, dass Opernballprotest damals in Verbindung gebracht wurde mit Waldheims Bundespräsidentschaft im Gedenkjahr (50 Jahre nach 1938)?

Sicher dabei war ich 1989, vielleicht auch 1990 - aber die farbigste Erinnerung datiert aus dem Jahr 2000, wo die Parole "antifaschistischer Karneval" ausgegeben wurde und es gerade eine neue Regierung gab. Die meisten zogen damals einfach verkleidet durch die Innenstadt, nur wenige bleiben vor der Oper, die für andere bloß eine Station des Protestzuges darstellte. Achja, 1991 fand gar kein Opernball statt, wäre noch zu ergänzen, aus "Pietät" wegen des Golfkrieges. Dies wurde von manchen als Heuchlerei gesehen, da es ja auch davor (und danach) Kriege gab. Heute könnten wir sagen, es sei pietätlos, wenn die Gewinner des Wirtschaftssystems für alle sichtbar ihr Geld zum Fenster rauswerfen, während die Opfer dieser Wirtschaft in Afrika dank Klimawandel verhungern.

Man sieht, ich bin kein Opernball-Fan, und sehe darin ein Relikt aus jenen Zeiten, wo nur makelloser adeliger Stammbaum "hoffähig" machte, was den Besuch der wichtigsten gesellschaftlichen Veranstaltungen beinhaltete. So tolle Frauen wie Bertha von Suttner waren nicht "hoffähig", weil einer oder mehrere Vorfahren nicht edel genug waren. Zeitlebens kritisierte sie den Adel als degeneriert und dekadent, ohne wirkliche Interessen und ohne echte Bildung - was sie wohl zum Opernball gesagt hätte? Aus unerfindlichen Gründen (oder als monarchistisches Relikt) ist bei diesem Ball unerläßlich, dass die Republik Österreich vertreten ist. Im Fasching verkleidet man sich halt, war einmal der Kommentar von Caspar Einem. als er als Minister Kanzler Klima vertreten und sich zu diesem Zweck einen Frack ausborgen mußte.

Auch Alfred Gusenbauer scheint vor zwei Tagen nicht gerade seine Lieblingsveranstaltung besucht zu haben. Er verzichtete auf Schärpe und Dekor, trug nur den Red Ribbon, worauf er auch demonstrativ hinwies. Für Andreas Schwarz im "Kurier" von heute ein Indiz von mehreren, dass Gusenbauer ins Kanzleramt noch nicht hineingewachsen ist: Form und Funktion müssen übereinstimmen. Der Regierungschef ist eine Projektionsfläche für Erwartungen, für Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche. Das gilt für sein Auftreten wie für seine Aussagen. Und wieso sollten ganz normale Menschen, die nicht mindestens 1700 Euro für einen Ballbesuch rauswerfen können (so eine "Österreich"-Rechnung zum Opernball), beispielsweise weil sie im Monat weniger verdienen als diese Summe oder arbeitslos sind, von einem Kanzler erwarten, dass er sich unter Leuten, die 1700 Euro pro Nase locker hinblättern können, sichtbar wohl fühlt?

Immerhin ist die Rache der Fotos recht unterhaltsam, was das Auftreten der "guten Gesellschaft" betrifft: viele "Damen" hüllten sich in zu viele Farben, zu viele Rüschen, zu viel Dekor oder ließen zu viel Brust rausquellen. Interessanterweise scheinen besonders jene Frauen stilsicher, deren Beruf sich nicht darin erschöpft, als "Society"-Mitglied zu gelten, sondern die beispielsweise ein Regierungsamt innehaben. Diejenige Besucherin, um die das meiste Tamtam gemacht wurde, schien sich am allerwenigsten zu unterhalten: Paris Hilton, die laut nichtssagender Interviews "Fun" in den Ball bringen wollte. Was wäre wohl gewesen, wenn jemand an ihrer Stelle Barbara Blaha eingeladen hätte, die kämpferische ÖH-Vorsitzende, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde? Zumindest hätten wir dann gehaltvolle Statements aus ihrem Mund gelesen (fiel mir nur grad ein, weil der "Kurieer" heute über Blaha berichtet und wir sie bei den CeiberWeibern auch mal porträtiert haben).

Zur Mittzwanzigerin Hilton, die nicht durch Engagement, Arbeit, Leistungen auffällt, die aber trotzdem im Mittelpunkt von Berichten steht, passt Ann Nicole Smith, deren Tod kürzlich Schlagzeilen machte. Auch sie wäre ohne Geld im Hintergrund nicht der Rede wert gewesen, heiratete jedoch als junge Frau einen reichen Greis, dessen Vermögen sie erbte, das ihr jedoch seine Kinder streitig machen wollten. Smith wäre völlig uninteressant, hätte sie einen armen alten Sack genommen, der ihr einen Einbauschrank vermacht - und nach Hilton krähte kein Hahn, wäre sie eine junge Friseurin, die nicht gerade geistreiche Kommentare zu ihren Kundinnen abgibt. Wären die beiden Frauen Männer, würde ihnen auch das Geld nicht zu mehr Popularität verhelfen, da von diesem Geschlecht halt doch mehr verlangt wird als nur Äußerliches....

Kommentare:

weltbeobachterin hat gesagt…

Ich muss zugeben, ich habe ihn mir angesehn! Aber nicht nur wegen der Hilton! Die hat mich übrigens durch so nichtssagende Kommentare nicht beeindruckt. Es sind einfach die typischen standardfloskeln der Mrs. Hilton gewesen.
Beeindruckt haben mich allerdings Anna Netrebko und die Stella Deetjen. Stella Deetjen wollte auch am Opernball Leute ansprechen mehr Unterstützung für die Leprakranken in Indien und ich denke für sie war das sicher eine Plattform um ihre Botschaft zu verbreiten und hoffentlich hat sie viele Unterstützer gefunden.

alexandra bader hat gesagt…

Ich auch, ehrlich gesagt :-) Trash schaue ich manchmal ganz gerne, wenn ich ausmiste oder zeichne (auch "Tausche Familie", wo sie gerade die ärgsten Typen recyclen und nochmal tauschen lassen - die Imitate von DJ Ötzi und Elvis beispielsweise, nur leider nicht miteinander :-).

Das mit der Stella Deetjen fand ich auch gut, wollte es erwähnen, hab's dann aber verschwitzt. Immerhin war sie auch kurz im Fernsehen, und ihre Worte klangen schon nach Kritik am Spektakel der Reichen....

Aber den Villacher Fasching hab' ich mir nicht angesehen (doch, fünf Minuten, wollte ZiB sehen und hab Geschirrspüler ausgeräumt und mitgekriegt, dass so ca. unter 40 Pointen eine ist, die wirklich diesen Namen verdient :-)

weltbeobachterin hat gesagt…

ja, manchmal muss Trash sein!
den Little DJ Ötzi habe ich auch gesehen! Aber nur kurz, die habe ich echt nicht ausgehalten! Das es wirklich solche Leute gibt, bringt mich echt zum Staunen!
Villacher Fasching habe ich nur den Nachzipfer gesehen! Also den Anfang. Seine Pointen gegenüber der Ortstafelgeschichte haben mir allerdings gefallen. Jörg Haider weniger, wie aus Medienberichten zu erfahren waren!
Lg Weltbeobachterin

alexandra bader hat gesagt…

villacher fasching war ein zu früh für die nachrichten einschalten, welch fauxpas :-)

dh ich hatte den eu-bauern, der wirklich kaum pointen hatte (trotdzem und deswegen lachten alle schallend, wie das eingespielte lachen bei einer sitcom)

bei dem djötzi musste ich zusehen (sehen ist relativ, hausarbeit und so :-), denn ich war fassungslos, dass der wirklich nur schreien kann. ich dachte, ich bin da zu streng oder hab mich verhört, deswegen wartete ich, dass er wieder "singt" - bzw. loskräht.

ich kann wirklich nicht singen, aber ich weiss, dass man selbst in der volksschule schon lernt, dass man nicht schreien soll, wenn die stimme den ton nicht halten kann. wir sind immer mit der steirischen landeshymne geprüft worden, die a bissi schwieriger ist als der anton als tirol :-)