Posts mit dem Label Jutta Ditfurth werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jutta Ditfurth werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

24.08.07

Das waren die Grünen

ÖVP-Generalsekretär Missethon war der Schnellste: um 22.27, kurz nach dem Ende des ORF-Sommgesprächs mit Alexander Van der Bellen stellte er eine Meldung in die APA, die mit diesen Worten endet: "Nicht nur inhaltlich geht so gut wie nichts weiter, auch personell stecken die Grünen in der Sackgasse. Die absolute Hörigkeit gegenüber Van der Bellen zeigt auch, wie dünn es um den politischen Nachwuchs der Grünen bestellt ist“. Beim "Standard" kommentiert eine Mitarbeiterin, diesmal Manuela Honsig-Erlenburg, die Sommergespräche gemeinsam mit UserInnen-Postings, und schrieb: "Ich würde mal sagen, dieses Sommergespräch hatte kaum Tiefen, aber auch keine Höhen. Van der Bellen hat sich zwar aus dem Urlaub zurückgemeldet, ein wirkliches Lebenszeichen war das aber trotzdem nicht. Ein oppositioneller Aufschrei war das nicht."

"Faaaad... Van der Bellen ist eine wandelnde Schlaftablette", so ein User. In den Standard-Foren wird er manchmal auch "Prinz Valium" genannt... Nunja, ich wollte brav viele Stichworte mitschreiben, um doch so einigermaßen wiederzugeben, was sich abspielte, aber irgendwann döste ich mit dem Block in der Hand. Das Piepsen des Handys verhinderte, dass ich einige Minuten später wie bei einem nächtlichen Krimi hochschrecke, wenn alles schon vorbei ist (wobei mir in so einem Fall was Spannendes entgangen wäre). SMS von einem Kollegen van der Bellens, der eine Stunde grüne Präsentationsmöglichkeit im Fernsehen sicher anders gestaltet hätte und sich über die Reduktion auf eine "Körndlfresserpartei" und die technokratischen Ausführungen seines Parteichefs ärgerte.

"Manches ist auch sachlich nicht richtig", antwortete ich (und dass ich mich langweile), da ich zu Beginn noch wach gewesen war und hörte, wie Van der Bellen die Begriffe Passivhaus und Niedrigenergiehaus durcheinanderbrachte (was er später wiederholte). Außerdem setzte er sich für eine Art Ökokapitalismus ein, der meint, durch den guten Konsum verträglicher Produkte könne man etwas gegen den Klimawandel tun. Tatsächlich verbrauchen Menschen umso mehr Ressourcen, je mehr Geld sie haben, wie etwa George Monbiot schreibt (über Eco-Junk, all die Green Lifestyle-Bücher, und über "guten Konsum" und was wir wirklich tun müssten). Eigentlich etwas, das Grüne aufzeigen sollten, wenn man von ihnen schon Ökologisches hören will.

Im Standard meint ein Wirtschaftsforscher mit Sinn für Ökologie, dass das hochselbstgelobte Klimaprogramm der Grünen ebenso wenig konkrete Massnamen vorsieht wie Produkte der Bundesregierung - also das vermieden wird, womit man etwas bewirken kann. Andreas Wabl, Gusenbauers Klimabeauftragter, ist wohl nicht zufällig immer wilkommen bei der Grünen, so Van der Bellen im Sommergespräch. Van der Bellen ist offenbar egal, zu wem jemand loyal sein muss - hält er die Grünen als eigenständige Partei für so unbedeutend, wie immer mehr Menschen sie sehen?

Oberhauser
..... will trotzdem weiter über den Zustand der Partei reden. "Die Fragen liegen am Tisch", so Oberhauser. VdB: "Grüne sind eine Projektionsfläche für Hoffnung, und es ist nicht immer leicht, dieser Erwartungshaltung gerecht zu werden. (meint die Standard- Moderatorin) Er meint sich nicht, wenn er (VdB) ...... "Spitze der Partei" sagt. Wen meint er denn?

Ich lese die Postings, denn es kann ja sein, dass ich einfach nur müde war (vor 22 Uhr? besser vor Mitternacht?) und es anderen ganz anders erging. Beim Standard ist jedoch dauernd von einschläfernd und enttäuschend die Rede, und bei http://sommergespraeche.blogspot.com/ heisst es z.B. Der x-te Seufzer von VdB er wird heute von fadisierten "Gegnern" platt gemacht. Unglaublich eigentlich.

das beispiel der firma die sonnenkollektoren oder sowas in der art herstellt hat vdb letztes jahr auch schon gebracht. also bis jetzt wirklich nix neues. der schmetterling dürfte tatsächlich der bisherige höhepunkt sein.

Anmerkung: es wurden immer wieder Blumen und Schmetterlinge gezeigt, etwa ein Monarch.

worüber regt ihr euch eigentlich auf. geht früher schlafen, wenn ihr abends bei sachdiskussionen leicht müde werdet. ich mag seinen stil noch immer, und wenn ich am ende alleine aufbleibe und alleine poste, zähl ich das als sieg ;-)

Ein seltener (weiblicher) Fan, der es anscheinend normal findet, dass politisch interessierte Menschen vor halb zehn abends wegbrechen...

Herr VdB hat kein Gespür für die Ärmeren. Unglaubliche Aussagen zur Verteuerung der Lebensmittel!

Auch der Transport von Erdbeeren aus dem Burgenland soll mehr kosten, nicht nur aus Spanien.

VdB: "Wir wollen den CO2 Ausstoß senken."
Wailand (Kronen Zeitung): Wie?
VdB: "Weiß ich nicht."
Bitte?? Hab ich mich verhört??

"Lau in der Au" nennt Staatssekretär Reinhold Lopatka seinen Blog-Kommentar: "Die Wahl des Orts für das Gespräch mit Oberhauser und Wailand vor dem Ökohaus in unmittelbarer Nähe zu den Donauauen und damit zur Geschichte der Grünen war symbolhaft, hat aber auch auf die Inhalte abgefärbt: Die politischen Schwerpunkte Frauen, Bildung und Energiewende waren schon die Themen des Nationalratswahlkampfs, ebenso durfte das Beispiel des Photovoltaikbetriebs schon öfters herhalten. Die Grüne am Weg – vorwärts zurück in die Vergangenheit?

Inhaltlich hat mich vor allem überrascht, dass Van der Bellen bei jedem der großen Themen den wirtschaftlichen Effekt betonte: Klimaschutz, weil es ökonomisch sinnvoll ist, Bildungspolitik als wirtschaftspolitisches Thema, der freie Hochschulzugang primär als volkswirtschaftliche Frage. Kündigen sich hier neue Akzentsetzungen in der grünen Programmatik an oder ist das die neue Radikalität von der Van der Bellen sprach?

Van der Bellen ist ein kultivierter Gesprächspartner (so habe ich ihn auch im Parlament zumeist kennen gelernt), der durchaus selbstironisches Potential hat, wie der auf sein Alter bezogene Vergleich mit dem Papst zeigte. Dennoch blieben die von ihm als radikal bezeichneten grünen Inhalte wieder einmal seltsam vage. Ich stimme mit ihm in einigen Punkten überein – etwa dass nicht die Industrie sonder der Individualverkehr und private Haushalte das Hauptproblem des Klimaschutzes sind – und habe natürlich Punkte, wo wir wenig gemeinsam haben...."

Ich frage mich schon, ob der ORF bei der Reichweite auch jene mitzählen muss, die selig vorm Fernseher eingebüselt sind....

Gähn! Wo ist denn nun mein Block für den Blog?

Ahja, da steht: Erinnerung an Hainburg - Petronell (Van der Bellen erinnert an jene, die 1984 in der Au waren, lang vor seiner Zeit) - Verwechslung Niedrigenergie / Passivhaus - massive Mithilfe der Krone in Hainburg (sprach Oberhauser an, deswegen Georg Wailand dabei), Urgh, wenn ich an damals denke, das war uns gar nicht recht - keine öffentlichen Debatten mehr (tastet sich Oberhauser ran) - Zitate "Diskussionsverweigerung - Kadermethoden - Verschwinden der Grünen, Grüne am Ende", bezogen auf den "Falter" vom 22.8.2007 - Van der Bellen ist BEGEISTERT und empfiehlt allen, den "Falter" zu lesen -

einander heftig kritisierende Regierungsparteien, notiere ich als Kontrast, den ich ansprechen will, da ich das natürlich als politische Journalistin verfolge (und sicherheitshalber immer wieder nachsehe, ob jene, die sich da befetzen, auch noch in Koalition sind :-) - nunja, Allerweltspartei? verneint van der Bellen, und zwar so "Ich finde nicht....ich finde nicht". Seltsames Dementi, dachte vielleicht auch Oberhauser, und meint, Van der Bellen wirke müde, hat er sich schon von der Politik verabschiedet?

Aber nein, es sei nur Ruhe im Sommer, wie jeden Sommer, das werde nicht akzeptiert. Radikal müde hab ich noch was hingekritzelt, das ich nicht mehr lesen kann. Dann werden Themen angesprochen wie Bildung, Frauen, Kindergarten, als "Herausforderung". Unmittelbar danach ist Van der Bellen "grantig", wenn er auf sein Alter angesprochen wird, schliesslich ist er noch nicht im Pensionsalter. "Meinetwegen" sei er in den Grünen "der Alte", aber in keiner anderen Partei haben so viele Ex-Parteichefs noch Funktionen (er meint seine Vorgänger, nicht sich selbst :-).

Oberhauser wirft "Midlife Crisis" und "Funktionärspartei" über den Tisch. Al Gore und Angela Merkel besetzen das Thema Klima, dadurch hätten die Grünen einen aufgelegten Ball vor den Füssen, aber sie machen nichts daraus. Van der Bellen meint, er habe nicht die Möglichkeiten von Gore und Merkel und dass er Merkels Klimapolitik als EU-Ratspräsidentin sehr geschätzt habe. Ähem - und was hat das mit seinen Möglichkeiten als Van der Bellen zu tun? Ist es meine Müdigkeit oder sagte Van der Bellen "Wohnbauförderung in den neuen Bundesländern" (nur mehr für Passivhäuser, meinte er, es handelt sich um Niedrigenergiehäuser, die in manchen österreichischen Bundesländern zu den Kritieren gehören)?

Ökologische Produktion sieht Van der Bellen als Lösung (ich verweise auf die Links zu Monbiot weiter oben) und lobt, dass bei der Industrie schon einen Mechanismus gäbe mit dem Handel mit Emissionszertifikaten. Er schwärmt von der Architektur in Vorarlberg, die auch auf Energiesparen ausgerichtet ist und rät, bei der Bildung bereits im Kindergarten anzusetzen, per Gratisjahr. Kostenloses Hörgeräte-Probehören bei Hartlauer - was soll das? Achso, das war die erste Werbung nach dem Sommergespräch, die ich notierte, weil das die Lösung für die Langeweile so vieler SeherInnen sein könnte: vielleicht brauchen sie einfach schon ein Hörgerät?

Nein, das wars auch schon (bzw. was ich mitkriegte), und in der Mitternachts-ZiB fiel mir dann auf, dass in den Kurzbericht immer wieder die Schildkröte im Biotop dazwischen schnitten und Van der Bellen einmal sagte, er sei nicht wegen dem Klima für Klimaschutz, sondern wegen dem Schutz der Menschen. "Schutz" versteht er, wie seine Äußerungen nahelegen, recht technokratisch, während Tiere und Pflanzen offenbar nicht unter "Klimaschutz" fallen, sondern sehen können, wo sie bleiben. Gerade die Natur war aber bei den Grünen, bevor sie sich so sehr veränderten, für viele eine wichtige Motivation.

Natürlich kamen andere Themenbereiche hinzu, weil ja alles vernetzt ist und weil Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten, Gleichbehandlung, Antirassismus und Friedenspolitik immer auch bedeutsam waren. Mag sein - aber wo sind sie heute für die Grünen? Alles den NGOs überlassen bzw. der Regierung, die man ja kritisieren kann, wenn sie das "Falsche" tut? Es gibt die anderen, früheren Grünen noch, manche sogar in Funktion für die Van der Bellen-Kaderpartei-Grünen, aber wenn, dann nur ganz an der Basis, so ein bisschen vor Ort Politik machen.

Ansonsten haben sie sich anderen Bereichen zugewandt, zuwenden müssen, die bei manchen immer noch Berührungspunkte bieten. Auf dem Weg zur Kaderpartei war man nicht zimperlich, sodass einige schwere Blessuren abbekamen, die keine offenen Wunden mehr sind, aber sichtbare Narben. Überall sind diese Grünen, manche ins Ausland gegangen, die nie aufgehört haben, grün zu sein im Sinne der ursprünglichen Ziele

ökologisch * solidarisch * basisdemokratisch * gewaltfrei

Was hat nun der "Falter" geschrieben? Armin Thurnher verlegt den Rücktritt von Freda Meissner Blau auf ein Jahr später nach November 1989, nach dem Lucona- Untersuchungsausschuss, und behauptet, ihr Schritt sei "überraschend". Was er sicher ist, wenn man ausblendet, dass sie ging, weil sie vor dem Ausschuss die Seriosität von Hans Pretterebner bezweifelte, den Peter Pilz unbedingt als "Experten" beiziehen wollte. Die "Altersfrage" existiere im Fall Van der Bellens nicht, schliesslich ist der "Krone"-Dichand auch schon Mitte 80.

Barbara Toth beschreibt die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Grünen, wo man sich selbst genügt, und dem Image in der Öffentlichkeit, wo die Grünen in der derzeitigen personellen Besetzung "abgeschliffen, kraftlos und gelähmt" wirken. Van der Bellen verschwand im Sommerloch und tauchte nur auf, um zu verkünden, dass er auch 2010 Spitzenkandidat sein möchte. Was in anderen Parteien, die einst aus Sicht Grüner erstarrt und ohne Diskussionsprozesse waren, massive Kritik provoziert hätte, wird bei den Grünen hingenommen: "Wie gleichgeschaltet nicken sie das Ansinnen des Bundessprechers ab."

Die Story endet mit einer Person, die das Dilemma der Grünen hinsichtlich nötiger "Frischzellenkur" verkörpert, aber Quereinsteigertum vage ablehnt, da die Erfolgsrate bei anderen Parteien "enden wollend" sei: "Was Van der Bellen nicht erwähnt: Als er vor 13 Jahren zu den Grünen kam, war er selber Quereinsteiger". Illustriert werden die Abgesänge auf die Grünen übrigens mit Karikaturen von Van der Bellen-Köpfen als russische Puppe, in der natürlich nur immer kleinere Van der Bellen-Köpfe Platz haben...

Der Blogtitel stammt von einem Buchtitel von Jutta Ditfurth, einst Sprecherin der Deutschen Grünen und per Kampagne entfernt, nachdem sie sich nicht von der CIA anwerben liess, wie sie beschreibt. Derlei Ansinnen nicht nachzugeben, ist für sie "eine Sache der linken Überzeugung und persönlichen Würde", wobei sie auch andeutet, wer diese Skrupel nicht kannte (und massig Karriere machte). Ich sehe das mit der persönlichen Würde genauso, wenngleich ich nie so dezidiert "links" war wie Ditfurth....

08.08.07

Wie feministisch ist Alice Schwarzer?

Feminismus-"Ikone" Alice Schwarzer wirbt für die Bild-Zeitung, freiwillig, auch wenn das manche treue Fans zuerst nicht glauben können. JEDE WAHRHEIT BRAUCHT EINE MUTIGE, DIE SIE AUSSPRICHT - als ob die Bild-Zeitung es mit der Wahrheit allzu genau nehmen würde wie der Bildblog täglich aufzeigt. Viele erinnern sich an die Enthüllungen von Günter Wallraff, die auch für mich in Graz Pflichtlektüre waren. Ich war ganz stolz, als ich 1982 mein allererstes Interview mit ihm führen konnte. Als Bild 50 Jahre alt wird, stellt Wallraff diese Seite ins Netz. (Satire links aus der Titanic)

Für die Berliner Zeitung ist Schwarzer nur konsequent "endlich unter der Haube" und vertritt Spießerfeminismus und Islamphobie. Wer sich der Islamfeindlichkeit nicht anschließt, gerät leicht ins Kreuzfeuer der Kritik wie es der Rechtsprofessor Mathias Rohe in Erlangen- Nürnberg erleben mußte. Seltsam war schon vor Jahren, dass Schwarzer nicht bereit war, ein einziges Mal mit Bascha Mika zu reden, die sie porträtieren sollte. Das Buch erschien trotzdem, nur kamen halt auch KritikerInnen zu Wort - und prompt gab es auch eine Biografie von einem mit Schwarzer befreundeten Ehepaar (beide Bücher sind gemeinsam bei den Ceiberweibern vorgestellt).

Mikas Erfahrungen kann ich nachvollziehen, doch war es enttäuschend zu erleben, dass sich Alice Schwarzer bei einem Besuch in Wien von einer Frau nicht interviewen liess, aber wohl mit einem ganz begeisterten jungen Mann flirtete, der zu einem Presseteam gehörte. Ich konnte sie, bei einer Signierstunde, überhaupt nur deswegen ganz kurz ein par Fragen auf Band beantworten lassen, weils auch peinlich ausgesehen hätte, mich hängen zu lassen. (Eigentlich muss man die Interviewwünsche bei ihrem Büro in Köln deponieren, doch die gaben mir nicht Bescheid.)

Dann fand keine Autorisierung statt, obwohl ich alles vor einer Schwarzer-Abendveranstaltung transkribierte und nach Köln faxte, aber nie eine Reaktion erhielt. Es erschien eben nach ein paar Tagen unautorisiert (soll sie mich klagen, mir doch egal, nur peinlich für sie, dachte ich mir). Niemand hat je solche Zicken gemacht (okay, bis auf Che Guevaras Sohn, der zum vereinbarten Termin gar nicht erschien :-), gerade in der Politik etwa läuft alles freundlich und professionell ab und auch mit Wertschätzung. Was solche Aha-Erlebnisse für Frauen bedeuten, für die EMMA einst eine wichtige Begleiterin war, kann Schwarzer entweder nicht abschätzen oder es stört sie nicht.

In Schwarzers Gästebuch kann frau lesen, wie viele Fans zuerst dachten, Bild hätte Schwarzer heimlich auf Plakate gedruckt. Etwas naiv sicher, aber es zeigt, welche Hoffnungen manche in sie setzen, immer noch. Ich finde sie amüsant und charmant, wenn sie irgendwo öffentlich redet oder im TV zu Gast ist, aber die Distanz ist hier das Schüsselwort. Feministische Gedanken zu allen möglichen aktuellen Ereignissen formulieren bringe ich selber ganz gut und manchmal wohl auch besser auf die Reihe. Enttäuschend und überraschend war für einige der Kampf gegen den Islam, doch für mich hat Schwarzer die Grenze bereits bei ihrem Buch "Eine tödliche Liebe" über Petra Kelly und Gert Bastian überschritten.

Es ist eine jener Grenzen, nach deren Passieren es kein Zurück mehr gibt, da man immer mehr von dem annimmt, was auf der Seite der Grenze liegt. Was das Buch so fies macht, ist im Detail in Warum demontierte Alice Schwarzer Petra Kelly? bei den Ceiberweibern ausgeführt. Zufall oder nicht, der Stil und die Konnotationen, die besonders Kelly, aber auch Bastian verpasst werden, erinnern an jene Literatur, die graue Propaganda heisst und von Hintergründen ablenken soll. Keineswegs durch pure Erfindungen, sondern durch Halbwahrheiten, unzulässige Schlussfolgerungen und psychologisch ausgefeilte Beiworte.

Dadurch werden Kelly und Bastian, am 19.10.1992 tot in ihrer Wohnung aufgefunden, laut Polizei durch Mord/Selbstmord umgekommen, wie ein ganz normales Paar dargestellt, das in einer schwierigen Beziehung lebte, die unausweichlich auf eine Tragödie zusteuerte. "Schwierig" mag die Beziehung ja gewesen sein, aber der Alltag eben ganz anders als wenn man von 9 bis 5 arbeitet und sich darüber in die Haare kriegt, ob man ein zweites Auto kaufen soll oder nicht, und das waren dann auch schon die Aufregungen des Lebens an einem normalen Tag.

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz grade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun. Max Goldt über die Bildzeitung, die das CIA-Opfer Khaled al Masri verfolgt

Schwarzer ist besonders brutal zu Kelly, als es um die traumatischen Erfahrungen der gezielten Verfolgung durch die seltsame LaRouche-Organisation geht, die sie richtiggehend mit allen Mittel stalkt, als sie Spitzenkandidatin bei den Bundestagswahlen 1983 ist und die Grünen dann erstmals im Parlament sind (Details dazu im Artikel). Frau stelle sich vor, dass sie einem anderen Stalkingopfer vorwirft, doch nur eine Ausrede, einen "Grund" für diffuse Ängste gefunden zu haben (wer wird sich denn weiter aufregen bei Drohungen, Hetzkampagnen, Inseraten, die einen in Nazinähe rücken, dem Auftauchen von Widmungen aus Büchern daheim in Zeitungen veröffentlicht, der ständigen Gefahr, dass Stalker nicht nur in Deutschland bei Veranstaltungen auftauchen? "sie liess sich terrorisieren", meint die "Feministin" lapidar).

Schwarzers Buch dient mit dem Argument, dass Bezeichnungen wie "Doppelselbstmord" typisch patriachale Verharmlosungen sind, zur Untermauerung der Feststellung, es habe keine Einwirkung Dritter gegeben. Warum dazu aber Kelly posthum eine nach der anderen reingewürgt werden muss, bleibt rätselhaft - es sei denn, Mitgefühl soll verhindert werden, weil dies auch zu Zweifeln führen kann. Schwarzer bringt sogar ihre eigene Biografie ein, um Kelly daneben als schwach zu zeichnen: sie selbst hatte einen tollen Großvater, Kelly aber nur eine ungewöhnliche Grossmutter, die dem Mädchen irrigerwiese vermittelte, die Welt stünde ihr offen.

Schwarzer hat weder Ahnung von Rüstungsfragen, den Auseinandersetzungen um die sog. Nato-Nachrüstung noch vom Kampf um die Grünen oder gar davon, wozu Geheimdienste fähig sind. Dennoch maßt sie sich an, Kelly als ängstlich, ohne Mann hilflos, nur symbolischer Politik zugetan, von diffusen Ängsten geplagt (die nichts mit LaRouches Aktionen und anderem zu tun haben), klammernd, den Inhalten der Frauenbewegung hinterherhinkend (die Schwarzer stets mit der EMMA verwechselt), und als inhaltlich von Männern abhängig hinzustellen. Sich mit Rüstungsfragen und Atomkriegsgefahr zu befassen erschöpft sich nun mal nicht darin zu sagen: ich bin eine tolle Feministin die Waffen sind alle so böse patriarchal, ich finde die aus dem Bauch heraus ganz furchtbar.

Ich habe mich auch mal mit solchen "Männerthemen" beschäftigt und beispielsweise umfassend über "Neutralität und EU" recherchiert, mit Quellen, die in Österreich ansonsten noch niemand herangezogen hatte. Damit macht frau sich besonders bei Frauen nicht beliebt, aber auch bei jenen nicht, die derlei Wissen verhindern wollen. Ja klar, in dieser Zeit lief ich nicht von Frauenmeeting zu Frauenmeeting, um das Patriarchat zu beklagen. Ich denke mal, wenn ich einiges auch selber checken konnte, wird das auf Frau Kelly auch zugetroffen haben, selbst mit einem Ex-General als Freund.

Was die diffusen Ängste betrifft, so stellen die Bedrohungen durch die LaRouche-Organisation für Kelly wohl den Punkt des Verlustes der Welt dar. Das ist die erschütternde Erfahrung, dass scheinbar fix geltende Regeln, was alles möglich ist und was nicht, plötzlich obsolet sind. Da muss man es schaffen, die Welt wiederzufinden und zu ertragen, dass sie nie wieder so sein wird wie vorher, man hat die Unschuld verloren. Man muss lernen, übelste Provokationen und Diffamierungen zu überstehen, den Verlust von durch Intrigen aufgehetzten Freunden, auch den Verlust der materiellen Existenz, auch mehrmals. Besonders schlimm ist auch das Wissen, dass diese illegalen Aktionen gegen integre Personen weder ein NATO-Staat noch ein neutrales Land dulden darf, es aber tut.

Hast du noch eine Heimat, bist du staatenlose Staatsbürgerin oder schlicht "AusländerIn im Ausland", vor Willkür nicht geschützt durch die amerikanischen Verfassung? Wenn du die Europäische Menschenrechtskonvention hast, die dein Staat mit der Verpflichtung unterschrieben hat, sie zu wahren, kannst du dir damit die Wände deiner Toilette tapezieren. Frau Schwarzer, würden Sie dies aushalten, Sie ach so starke Frau? Würden Sie es wagen, dem ins Auge zu sehen und den Kampf gegen "die" aufzunehmen? Einen Kampf, für den es keine Mobbingberatungsstelle, keine Opferhotline, kaum Vorbilder gibt, wo jeder Schritt selbst erdacht sein muss?

Jutta Ditfurth wird das zwar nicht gerne hören, aber irgendwie ist sie, in all ihrer Unermüdlichkeit, doch auch eine Gezeichnete. In ihren Abrechnungen mit dem Grünen betont sie, dass sie sich nicht von der CIA anwerben liess, während andere weniger Hemmungen hatten. Ich kann verdammt gut nachfühlen, wie das für sie gewesen sein muss, und auch die Erschütterung über die Entwicklung der deutschen Grünen nachvollziehen, weils hierzulande ja ähnlich ist. Aber muss sie dann beinhart auch bei anderen abrechnen, besonders bei EsoterikerInnen, die ja nicht alle "braun" sind? Im Web findet man fassungslose Reaktionen aus dieser Szene, da die meisten aus den konkreten Andeutungen über die Grünen nicht erahnen, wie schlimm es für Ditfurth gewesen sein muss, und auch irgendwie stellvertretend seh streng beurteilt werden.

Ein Beispiel ist der Schlagabtausch Jutta Ditfurth - Nina Hagen bei Maischberger und bei Kalkofe parodiert, der impliziert, Hagen kriege gar nichts mehr vom Weltgeschehen mit.
Nina Hagen klagt in ihrem Blog
über diese Ungerechtigkeit, und der Blog an sich zeigt schon, dass hier auch politisch gedacht wird. Esoteriker wehren sich gegen den Kampf der radikalen Linken gegen Esoterik, und Ditfurth wird sogar im "Spiegel" lobend erwähnt gegen Trutz Hardo (wo der Spiegel ansonsten gar nicht so Ditfurth-freundlich ist). Trutz Hardo schreibt an Jutta Ditfurth, die ihm Antisemitismus vorwirft, weil er eine Reinkarnation einstiger Täter als Opfer und umgekehrt für üblich hält. Das klingt vielleicht abgefahren, ist aber noch immer keine Holocaustverharmlosung (auch wenn manche sich in Gedanken versteigen, dass die Opfer eh längst z.B. als Deutsche wieder leben).

Ditfurth ist Abgeordnete im Frankfurter Römer, für die Ein-Frau-Nichtfraktion Ökologische Linke, für die alle anderen Parteien praktisch eins sind. Ihre Gruppe sieht 9/11 nicht als islamischen Terrorismus, sondern als Kampf zwischen Kapitalinteressen, was ja schon mal ein Ansatzpunkt ist. Näheres fand ich dazu leider nicht, obwohl die 911 Truth Bewegung immer Verstärkung gebrauchen kann. Apropos: 60 nichtbeantwortete Fragen an die US Embassy / CIA in Österreich, voila, seit 6. August 2007 bei uns im Web.

Außerdem: Nie wieder Hiroshima und Die Märchen des Spiegel (Teil 1) und Video- und Audio-Webtipps zu 9/11 und Merkwürdigkeiten um die Geisterflüge und der Summer of Love mit Musikvideo-Links....

PS: Um das in Worte zu fassen, was mich bei Ditfurth etwas befremdet: es sieht mir aus wie ein Verlust der Freude, während ich möglichst viel normalen Alltag wiederhaben will, Sonne, Baden, Tiere, Lesen, was Unternehmen - und nicht alles, was mir vielleicht naiv vorkommt oder wo möglicherweise bedenkliche Tendenzen sind, auch kommentieren, mich damit befassen "müssen". Ich denke, dass ich auch so ganz schön viel an kritischem Output habe :-)